… wir wurden beforscht
Wie viele seiner Arbeiten stellt Rolf Schulmeister auch den Preprint seines Artikels Ansichten zur Kommentarkultur in Weblogs (mit Teilen von Leikauf & Bliemeister, erschienen als Beitrag zur Festschrift für Stefan Aufenanger) im Netz zur Verfügung. Darin untersucht er die Frage, ob durch die Kommentarkultur in Weblogs der Diskurs in der Wissenschaft gefördert werden kann. Wenn nämlich Weblogs eine wichtige Rolle in Lehr-/Lernsettings zugeschrieben wird (wobei es ja nicht nur Belege für diese Zuschreibung gibt, sondern auch eine Reihe von Erfahrungsberichten und Evaluationen dazu), dann sollte sich, so Rolf Schulmeister, gerade bei Edubloggern ein wissenschaftlicher Diskurs in den Kommentaren zu ihren Postings finden lassen.
Der textanalytische Ansatz, angewandt auf 15 Weblogs deutscher Edublogger, liest sich zwar anregend (für manche sogar aufregend, s.u.!); allerdings glaube ich nicht, dass Rolf damit dem Selbstverständnis der Blogger gerecht wird. Ich betreibe (als Wochenendblogger) mein Blog nicht mit dem Anspruch, wissenschaftliche Diskurse anzustossen (der Kategorie Fachliches sind sowieso nur ca. 1/4 meiner Postings zuzuordnen). Allerdings, erfreulicherweise und überraschend ergaben sich - ähnlich wie bei Michael Kerres - viele Reaktionen und Kommentare über andere Kommunikationswege. Seit ich zusätzlich twittere habe ich auch das Gefühl, das sich beide Kanäle gegenseitig befeuern (seitdem glatte Verdoppelung der Besucherzahlen meines Blogs). Insofern ergibt sich meine persönliche “Kommunikationskultur” nicht aus den Versatzstücken (schon gar nicht nur aus den Kommentaren, die ich erhalte oder gebe), sondern aus der Summer meiner Webpräsenzen. Die Blogs in meinen Seminaren haben übrigens bewusst einen ganz anderen Charakter.
So kann sicher weitere methodische Kritik an Rolfs Ansatz vorgebracht werden. Das ändert aber nichts daran, dass er sehr verdienstvoll zeigt, wie die öffentlich zugänglichen Daten zu tiefergehenden Analysen erschlossen werden können. Insofern ist für mich die aufgeregte Reaktion von Beforschten (und nicht Beforschten) zunächst in Twitter (zu verfolgen über Hashtags #schulmeister bzw. #meisterblogforschung) schwer nachvollziehbar.
Ich schwanke zwischen Erstaunen und Verärgerung bei Kommentaren wie Dummes Zeug muss man ignorieren. schad um die schöne zeit, in der man was richtiges lernen könnte oder sein Beitrag sei unbelastet von eigener Praxis. Seit wann darf man denn nur noch eigene Praxis beforschen? Kein unvoreingenommener Blick von außen mehr? Solche Äußerungen zeigen nur, wie dringend nötig der ist. Zum Glück geht es hier inzwischen deutlich konstruktiver zu.
Nachtrag 15.2.2010: … ist mir ein Posting eingefallen, wie wir schon mal beforscht wurden:
“… erhielt ich gestern die Masterarbeit Bloggen – Pflichtübung oder Passion? von Tamara Bianco, in der ich mich als “beforschter” Knowledge Blogger wieder fand. Eine gut zu lesende Arbeit, in der manches, was man so vermutet hat, nun empirisch belegt ist, andere Aspekte eher überraschen … Also Pflichtlektüre für alle Blogger (hier gehts zum Download), die ihre eigene Haltung zum Bloggen einordnen und reflektieren wollen.”