… wir wurden beforscht

Abgelegt unter: Lesestoff — JoWe um 18:10 am 12.02.2010

Wie viele seiner Arbeiten stellt Rolf Schulmeister auch den Preprint seines Artikels  Ansichten zur Kommentarkultur in Weblogs (mit Teilen von Leikauf & Bliemeister, erschienen als Beitrag zur Festschrift für Stefan Aufenanger) im Netz zur Verfügung. Darin untersucht er die Frage, ob durch die Kommentarkultur in Weblogs der Diskurs in der Wissenschaft gefördert werden kann. Wenn nämlich Weblogs eine wichtige Rolle in Lehr-/Lernsettings zugeschrieben wird (wobei es ja nicht nur Belege für diese Zuschreibung gibt, sondern auch eine Reihe von Erfahrungsberichten und Evaluationen dazu), dann sollte sich, so Rolf Schulmeister, gerade bei Edubloggern ein wissenschaftlicher Diskurs in den Kommentaren zu ihren Postings finden lassen.

Der textanalytische Ansatz, angewandt auf 15 Weblogs deutscher Edublogger, liest sich zwar anregend (für manche sogar aufregend, s.u.!); allerdings glaube ich nicht, dass Rolf damit dem Selbstverständnis der Blogger gerecht wird. Ich betreibe (als Wochenendblogger) mein Blog nicht mit dem Anspruch, wissenschaftliche Diskurse anzustossen (der Kategorie Fachliches sind sowieso nur ca. 1/4 meiner Postings zuzuordnen). Allerdings, erfreulicherweise und überraschend ergaben sich - ähnlich wie bei Michael Kerres - viele Reaktionen und Kommentare über andere Kommunikationswege. Seit ich zusätzlich twittere habe ich auch das Gefühl, das sich beide Kanäle gegenseitig befeuern (seitdem glatte Verdoppelung der Besucherzahlen meines Blogs). Insofern ergibt sich meine persönliche “Kommunikationskultur” nicht aus den Versatzstücken (schon gar nicht nur aus den Kommentaren, die ich erhalte oder gebe), sondern aus der Summer meiner Webpräsenzen. Die Blogs in meinen Seminaren haben übrigens bewusst einen ganz anderen Charakter.

So kann sicher weitere methodische Kritik an Rolfs Ansatz vorgebracht werden. Das ändert aber nichts daran, dass er sehr verdienstvoll zeigt, wie die öffentlich zugänglichen Daten zu tiefergehenden Analysen erschlossen werden können. Insofern ist für mich die aufgeregte Reaktion von Beforschten (und nicht Beforschten) zunächst in Twitter (zu verfolgen über Hashtags #schulmeister bzw. #meisterblogforschung) schwer nachvollziehbar.

Ich schwanke zwischen Erstaunen und Verärgerung bei Kommentaren wie Dummes Zeug muss man ignorieren. schad um die schöne zeit, in der man was richtiges lernen könnte oder sein Beitrag sei unbelastet von eigener Praxis. Seit wann darf man denn nur noch eigene Praxis beforschen? Kein unvoreingenommener Blick von außen mehr? Solche Äußerungen zeigen nur, wie dringend nötig der ist. Zum Glück geht es hier inzwischen deutlich konstruktiver zu.

Nachtrag 15.2.2010: … ist mir ein Posting eingefallen, wie wir schon mal beforscht wurden:

“… erhielt ich gestern die Masterarbeit Bloggen – Pflichtübung oder Passion? von Tamara Bianco, in der ich mich als “beforschter” Knowledge Blogger wieder fand. Eine gut zu lesende Arbeit, in der manches, was man so vermutet hat, nun empirisch belegt ist, andere Aspekte eher überraschen … Also Pflichtlektüre  für alle Blogger (hier gehts zum Download), die ihre eigene Haltung zum Bloggen einordnen und reflektieren wollen.”

13 Kommentare »

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13. Februar 2010 @ 08:35

[…] ohne – wie ein Lauffeuer verbreitet), ist die Kommentarkultur in vollem Gange: Michael Kerres, Joachim Wedekind und Jochen Robes haben rasch reagiert; Sandra war noch schneller und hat ein etherpad-Dokument […]

Kommentar von Christian Spannagel

13. Februar 2010 @ 09:44

Der Ausspruch “unbelastet von Praxis” stammt von mir. Ich habe mir herausgenommen, dies sagen zu dürfen, weil Schulmeister mir ja schließlich in genau diesem Artikel unterstellt, meine Beiträge seien “unbelastet von Theorie”. :-)

Kommentar von Christian Spannagel

13. Februar 2010 @ 10:34

Vielleicht noch zur Klärung: Ich würde gar nicht erwarten, dass man seine eigene (!) Praxis beforschen soll. Ich würde aber erwarten, dass man zumindest ein wenig persönliche Erfahrungen sammelt, um einschätzen zu können, welche wissenschaftlichen Fragestellungen eigentlich relevant sind.

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13. Februar 2010 @ 10:48

[…] Joachim Wedekind: …wir wurden beforscht […]

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13. Februar 2010 @ 12:10

[…] Artikel “Ansichten zur Kommentarkultur in Weblogs” (z.B. bei Christian, Gabi, Joachim, Michael Kerres) und auch im Etherpad finden sich eine ganze Reihe an Meinungen dazu, inwieweit die […]

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14. Februar 2010 @ 12:51

[…] Joachim Wedekind (hier) […]

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14. Februar 2010 @ 22:39

[…] kann), dann bei einigen Beforschten wie Sandra, Christian (ergänzend dazu der Beitrag hier), Joachim Wedekind, Jochen Robes, Gabi Reinmann, Michael Kerres. Eine Stellungnahme von Peter Baumgartner habe ich […]

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15. Februar 2010 @ 01:34

[…] Joachim Wedekind: …wir wurden beforscht […]

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16. Februar 2010 @ 15:12

[…] Diskurs entsteht auch nicht in nur einem Blog, sondern im Zusammenspiel vieler verschiedener Blogs. Joachim Wedekind schreibt ähnlich: Insofern ergibt sich meine persönliche “Kommunikationskultur” nicht aus den […]

Kommentar von Ralf Hilgenstock

19. Februar 2010 @ 20:08

Es ist schön wenn solch ein Beitrag wie der von Schulmeister eine engagierte Diskussion auslöst.

Schulmeister formuliert sein Erkenntnisinteresse wie folgt: “Gibt es eine Kommentarkultur in den Weblogs? Und wie sieht sie aus? Gibt es Indizien dafür, dass der Rückkanal tatsächlich zu einer partizipativen Kommentarkultur führt?” und weiter “ob durch die Kommentarkultur der Diskurs in der Wissenschaft
gefördert werden kann.”

Die Frage ist interessant. Fürwahr. Wie kommt er zu dieser Frage? Er stellt fest, dass Weblogs im Unterschied zu persönlichen Webseiten über Kommentar und Kommunikationsfunktionen (Trackback etc) verfügen.

Er stellt aber auch fest, dass für “den Blogger selbst zunächst das Veröffentlichen interessant ist, dann die Rezeption neuer Informationen” von Bedeutung sei.

Man müsste nun genauer nachfragen mit welcher Intention einzelne Blogger ihren Blog betreiben. Wollen Sie damit einen (womöglich wissenschaftlichen Anforderungen genügenden) Diskurs führen, ein persönliches (öffentliches) Notiz-Tagebuch führen oder ein pragmatisches Feedback auslösen, das aus kurzen Hinweisen ohne wissenschaftlich tiefschürfende Ansprüchen besteht.

Schulmeister untersucht nun weithin bekannte Blogs. Nicht alle Betreiber sind im Hochschulbetrieb. Einige kombinieren gezielt Hochschulpraxis und externe Unterrichtspraxis im Blog. Manche reflektieren im Blog über ihren Lehr- und Forschungsgegenstand genauso wie über organisatorisch-alltägliche Dinge der Arbeitswelt.

Er resumiert dann später: “Weblogs sind vorwiegend für die Verlautbarung der eigenen Stimme da.” und “Von einer Kommentarkultur im Web 2.0 kann man jedenfalls (noch) nicht sprechen.
Ich wage auch zu bezweifeln, dass sich eine solche Kommentarkultur in Netzen mit großer
Nähe prinzipiell entwickeln kann. Dem stehen vermutlich mehrere Faktoren entgegen: Der
Individualismus oder Eigensinn der Blogautoren, das Autonomiebestreben, die Motivation,
die eher auf das Verlautbaren als auf Kommentieren ausgerichtet ist, und vielleicht auch der
Mangel an Zeit.”

Diese Schlußfolgerung ist angesichts der ausgewählten Blogs, deren Inhalte und von mir vermuteten Intentionen zu erwarten gewesen. Interesant wäre die Frage, wie die Diskussion zu reinen Forschungsthemen erfolgt. Ausgelassen wurde auch die Frage, ob es Reaktionen und Diskurse auf anderen Kommunikationskanälen gegegeben hat. Ich erlebe es durchaus, dass im Blog null Reaktion erfolgt, dafür sehr wohl an anderem Ort.

Abschließend formuliert Schulmeister enttäuscht:
“Im Bildungsbereich sollte man allerdings erwarten können, insbesondere wenn man die Absicht
hat, diese Methode im Studium als Lern- oder Lehrmethode einzuführen, dass der Austausch
von Ideen und Meinungen zu wissenschaftlichen Diskursen führt.”

Aus meiner Sicht werden die untersuchten Blogs nicht als Teil einer Lehrveranstaltung betrieben. Daher ist die Schlußfolgerung aus dem Zusammenhang gerissen. Man kann durchaus Werkzeuge für unterschiedliche Zwecke benutzen. Der Hammer dient im Arbeitszimmer als Werkzeug zum Dekorieren wenn man ein Bild aufhängen möchte und an anderer Stellen zum Ausbeulen des Kotflügels. So ist es auch mit den Blogs.

Es entsteht ein völlig anderes Blogeinsatzkonzept wenn ich es als Teil meines persönlichen Proilierungsmanagements oder als Teil meiner Lehrveranstaltung mit Studierenden einsetze. Meine Rolle und mein Handeln sind völlig unterschiedlich. Entsprechend sind auch die intendierten Reaktionen andere.

Schulmeister vermischt in seiner Studie drei Felder:
- Findet Kommunikation statt?
- Ist diese Kommunikation Teil des wissenschaftlichen Diskurses?
- Sind die Blogs ein geeignetes Lehr- und Lernwerkzeug?

Die erste Frage wird beantwortet. Die zweite Frage müsste zunächst den gesamten Kommunikations- und Wirkungsbereich eines Blogeintrags untersuchen und die Intention der Autoren berücksichtigen.
Die dritteFrage hat für mich mit den ausgewählten Blogs nichts zu tun.

Kommentar von JoWe

21. Februar 2010 @ 12:55

@Ralf vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Ich glaube, er fasst sehr schön die Kritikpunkte zusammen, die Schulmeisters Papier provoziert hat. Ich glaube auch, dass Reaktionen “an anderen Orten” nicht zu vernachlässigen sind. Ich stimme vor allem mit der Aussage überein “Es entsteht ein völlig anderes Blogeinsatzkonzept wenn ich es als Teil meines persönlichen Proilierungsmanagements oder als Teil meiner Lehrveranstaltung mit Studierenden einsetze. Meine Rolle und mein Handeln sind völlig unterschiedlich. Entsprechend sind auch die intendierten Reaktionen andere.”

Trackback von frank-vohle.de

20. Dezember 2011 @ 09:47

Schulmeisterlich…

Als ich vor einer guten Woche die Festschrift für Stefan Aufenanger per gelber Post bekam, da habe ich nach einem kurzen Kontrollblick in unseren Artikel den Text von Rolf Schulmeister (unter Mitarbeit von Leikauf und Bliemeister) aufgeschlagen … un…

Pingback von e-Denkarium » Blog Archiv » Jenseits der „Toll-Danke-sehe-ich-genauso“-Kommentare

23. Februar 2012 @ 07:50

[…] die in einer kleinen empirischen Studie zu den „Beforschten“ gehörten (z.B. hier, hier, hier und hier). In der Tat ist es in vielen Fällen nicht so weit her mit den Kommentaren auf Blog-Posts […]

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