Update: Dies ist die Aktualisierung meines Beitrags was sagen diese Zahlen vom 02.09.2011. Inzwischen konnte ich einige weitere Bücher auswerten und habe mir deshalb den Beitrag noch einmal vorgenommen und um die neuen Zahlen erweitert. Bei den Lehrbüchern ist die Neuauflage des Handbuch E-Learning hinzu gekommen, bei den Tagungsbänden die Doppeltagung GMW/DeLFI 2011. Ganz neu ist jeweils ein Vergleich von Erst- und Neufassung der Lehrbücher von Schulmeister bzw. Kerres und schließlich ein Blick in die wissenschaftlichen Online-Zeitschriften jero und MedienPädagogik. Die geänderten bzw. neu hinzu gekommenen Textpassagen sind kursiv gekennzeichnet.
Vor kurzem habe ich das Lehrbuch L3T intensiver gelesen für eine Rezension bei e-teaching.org. Dabei habe ich u.a. festgestellt, dass es sich auf aktuelle Entwicklungen konzentriert, man könnte auch sagen beschränkt. Für mich, der nun über 35 Jahre in diesem Bereich arbeitet, beginnt E-Learning nicht erst in den Neunzigern mit den webbasierten Anwendungen, wie es die Konzentration auf entsprechende Nutzungsformen suggerieren könnte. Natürlich ist vieles aus der Frühzeit der Unterrichtstechnologie (wie ich die 70er und 80er bezeichnen möchte) schlicht überholt. In einem Lehrbuch sollten aber die wichtigsten Konzepte und Ansätze dargestellt werden, die sich in heutigen Anwendungen wieder finden oder ihre Entwicklung beeinflusst haben. Schulmeisters Kapitel zu Hypertext bietet einen solchen Überblick auf dem (gesicherten) Stand der Wissenschaft mit Anschlussmöglichkeiten an aktuelle Entwicklungen.
Ich habe mich gefragt, ob die AutorInnen die früheren Arbeiten nicht kennen oder bewusst ausklammern. Um mich dieser Frage zu nähern, habe ich einfach mal die zitierte Literatur des L3T nach Jahreszahlen ausgezählt (n=1094, orange). In der Grafik habe ich die Prozente eines Jahrgangs aufgetragen gegen das Alter der Publikationen (wobei ich ab 10 Jahren Doppeljahrgänge, ab 20 Jahren jeweils 5 Jahre und ab 30 Jahren jeweils ein Jahrzehnt zusammen gefasst habe, um so die Jahresachse übersichtlich zu halten).
Dabei zeigte sich - für mich durchaus überraschend, dass eine Menge älterer Arbeiten zitiert werden. Ich hatte keine Zeit, die zitierten Arbeiten auch noch inhaltlich zu clustern, habe allerdings den groben Eindruck, dass die älteren Arbeiten eher aus den Bezugswissenschaften (wie z.B. Psychologie) stammen und weniger aus Unterrichtstechnologie und Mediendidaktik.
Die Auszählung war schnell gemacht, also habe ich zum Vergleich noch ein zweites Lehrbuch heran gezogen, das Kompendium multimediales Lernen von Niegemann u.a. (2008). Dabei zeigt sich dann, dass die Arbeiten (n=898, blau) doch gleichmäßiger verteilt sind und deutlich mehr auf frühe Arbeiten verwiesen wird. Vielleicht liegt es ja daran, dass Niegemann genauso lange wie ich im Geschäft ist und genauso aktiv war in den Zeiten vor dem E-Learning im Web … Die neu erschiene Auflage des Handbuch E-Learning hat (bei n=657) eine ähnliche Verteilung wie L3T aber mit einem Peak 2000-2003.

Inzwischen habe ich zusätzlich die Lehrbücher von Rolf Schulmeister und Rolf Kerres ausgezählt. Dazu habe ich Schulmeisters Grundlagen hypermedialer Lernsysteme (1996) (1125) mit seinem Band eLearning: Einsichten und Aussichten (2006) (338) verglichen. Interessanterweise bezieht er sich im jüngeren Band deutlich häufiger auf Klassiker aus früheren Jahrzehnten. Das Gleiche habe ich mit dem Buch Multimediale und telemediale Lernumgebungen: Konzeption und Entwicklung von Michael Kerres gemacht: 1. Auflage 1998 mit der geplanten 3. Auflage (nun mit dem Titel Mediendidaktik). Auch bei ihm ist ein leichter Trend zum vermehrten Bezug auf klassische Arbeiten zu verzeichnen.
Spaßeshalber habe ich dann noch die zitierten Arbeiten der letztjährigen Tagungen der GMW (n=484, blau) bzw. der DeLFI (n=349, orange) aufgetragen. Der Bezug auf neuere Arbeiten ist hier wegen der gewollten Aktualität der Papiere sichtbar höher.
Die Ergänzung mit den Zahlen der diesjährigen Doppeltagung GMW (n=484) und DeLFI 2011 (n=496) zeigt - wenig überraschend - fast identische Verläufe.
Wo ich schon am Zählen war, habe ich mir noch zwei Dissertationen vorgenommen, nämlich meine eigene von 1981 über das Unterrichtsmedium Computersimulation
(n=283, orange) und die von Stefanie Panke (2009) über das Informationsdesign von Informationsportalen (n=314, blau). Mich interessierte, ob bei einem Abstand von 28 Jahren deutliche Unterschiede zu finden wären. Wie zu sehen ist, scheint das nicht der Fall zu sein. Beide Arbeiten folgen eher dem Muster von L3T - ohne dass ich sie deshalb als Lehrbücher bezeichnen würde.
Zum guten Schluss habe ich mir noch zwei wissenschaftliche Online-Zeitschriften vorgenommen. Von der Zeitschrift MedienPädagogik den Jahrgang 2011 mit 12 Artikeln (n=328) und vom Journal for Educational Research Online den Band 1 von 2009 mit 11 Artikeln (n=584). Vermutet hätte ich ja, dass die Medienpädagogen deutlich mehr Bezüge zu früheren Arbeiten und Diskussionen herstellen, aber überraschenderweise ist das bei den Bildungsforschern doch deutlich stärker ausgeprägt, bei diesen sogar am stärksten im Vergleich zu allen anderen hier gefundenen Zahlen.
Was bleibt nach der ganzen Zählerei? Ganz so “unhistorisch” (wie Karl Wilbers mal die E-Learning-Szene charakterisiert hat) sind die AutorInnen denn doch nicht. Dennoch bleibe ich bei meiner Einschätzung, dass noch öfter ein Blick in frühe Arbeiten lohnen würde (Gabi Reinmann hat das in einem anderen Bereich - der Hochschuldidaktik - auch so erfahren). Das kann nicht nur inspirierend sein, auch unnötige Wiederholungen könnten vermieden und Impulse für wirklich innovative Weiterentwicklungen gewonnen werden.