Begriffswirrwarr: Edupunk, MOOC - schon Mainstream?

Abgelegt unter: #opco12, Fachliches, MOOC — JoWe um 14:38 am 20.06.2012

Manchmal möchte man gerne wissen, wie eigentlich recherchiert wurde, wenn dann so ein Interview-Artikel von Alexandra Werdes herauskommt, wie in der letzten (ansonsten von mir geschätzten/abonnierten) ZEIT: Die Edupunks kommen! (leider nur auf totem Holz verfügbar). Die Überschrift sichert Aufmerksamkeit, auch wenn der Begriff Edupunk nur beiläufig auftaucht und ausgerechnet auf den Edupunks’ Guide von Anya Kamenetz verwiesen wird, die nach Ansicht von Stephen Downes “is obviously not familiar with any of the ideas and trends characterizing edupunk, do-it-yourself, informal, online, or community-based learning”. Das trifft großteils auch auf das ZEIT-Interview zu.

Befragt wird Prof. Ayad Al-Ani (Professur Strategy, Organizational Behavior, and Human Resources) von der ESCP Europe. Dass er mir bislang weder in den bisherigen Förderprogrammen zum E-Learning  (des Bundes und der Länder, die er im Vergleich zu Südkorea (?) und Großbritannien als moderat einstuft) aufgefallen ist, noch als Praktiker (z.B. durch umgedrehte Vorlesungen), mag meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet sein. Auf Nachfrage führt er ja 20 Jahre Erfahrung in der Unternehmensberatung an, wo “seit vielen Jahren auf elektronische Wissensvermittlung gesetzt” wird (Frage an Jochen Robes: Ist das dort wirklich schon die gängige Praxis?). Mein Verdacht ist allerdings eher, dass hier jemand mit Aussensicht und anderen als didaktisch-methodisch motivierten Kriterien an die Hochschullehre herangeht. Immerhin, Herr Al-Ani “spürt, dass man den Leuten nicht mehr als zwei Stunden am Stück etwas erzählen kann”.

Jedenfalls nimmt er im Wesentlichen elektrifizierte Vorlesungen wahr. So nennt er die üblichen Verdächtigen, also iTunesU mit deutschem Vorzeigebeteiligtem LMU München. Überhaupt die großen Namen: Warum eine BWL-Grundvorlesung? “Man könnte stattdessen eine hervorragend produzierte Vorlesung aus Stanford in den Lernkanon aufnehmen …”, angeboten von “medienattraktiven Superstars”. Kein Wunder, dass dannn auch als MOOC-Beispiele im Kasten “Bildung für alle” natürlich Prof. Thruns KI-Vorlesung sowie edX und Coursera genannt werden. Ausgerechnet die elektronischen Varianten klassischer Vorlesungen und nicht die MOOCs im Sinne von Downes und Siemens, die dem Edupunk deutlich näher stehen … abgesehen davon, dass mit opco11, ocwl11 und opco12 inzwischen auch deutschsprachige Experimente genannt werden könnten.

Herr Al-Ani  landet am Ende dann doch wieder beim Blended Learning, dem “Unterlegen mit einer interaktiven Lernschleife”. Statt Top-Down-Wissensvermittlung sieht er Lernen in 1:1-Beziehungen. Er (man?) spricht dann von “lateralem Lernen”. Ich kannte bisher nur laterales Denken (umgangssprachlich auch Querdenken genannt). Aber vielleicht hat Herr Al-Ani das aufgrund seines fachlichen Hintergrundes von lateralem Führen abgeleitet. Interessanterweise greift er auch das (umstrittene) Konzept der Lehrprofessuren auf, denn die sollen dann Mentoring und Tutoring übernehmen. Und ganz am Ende des Interviews läuft es dann auf neue Geschäftsmodelle hinaus (Gabi Reinmann hat das bereits kritisch vermerkt): Scouts helfen Studierenden beim Lernpfad-Management und Agenturen suchen Angebote nach “Interessen und Budget” heraus.

Wer also als Außenstehender mit diesem Artikel in der Rubrik Chancen einen notgedrungen knappen aber adäquaten Einstieg in die Veränderung der Hochschullehre durch neue, offene Netzangebote sucht, der wird fehlgeleitet, denn hier führt die Platzbeschränkung zu einer sehr einseitigen Situationsbeschreibung und Perspektiveneinschätzung. Schade.

Lesetipp: Kerres - Mediendidaktik

Abgelegt unter: Lesestoff — JoWe um 21:47 am 15.06.2012

Die Ankündigung des Verlags im September 2011 war etwas verfrüht, aber jetzt ist die 3. Auflage des Klassikers von Michael Kerres erschienen - seit zwei Tagen liegt sie mir vor. Gegenüber der damaligen Ankündigung hat es nun doch eine deutliche Namensänderung gegeben: Mediendidaktik - Konzeption und Entwicklung mediengestützter Lernangebote. Ich habe nicht alle Kapitel im Detail mit den vorherigen Auflagen vergleichen können, aber mir kommt es eher wie ein neues Buch als wie eine Neuauflage vor. Ich werde hier nicht die 16 Kapitel auflisten, sondern nur einzelne Aspekte ansprechen.

Der neue Titel ist jedenfalls gerechtfertigt: So wird in einem zentralen Kapitel die Mediendidaktik positioniert. Kerres beschreibt eine gestaltungsorientierte Mediendidaktik, die sich mit der Frage beschäftigt “wie Potenziale von digitalen Medien für das Lernen und Lehren eingelöst werden können”. Sie hat den Anspruch konkret zur Lösung von Bildungsproblemen bzw. Bildungsanliegen beizutragen. Ich selber habe ein eher distanziertes Verhältnis zum von Baacke geprägten Selbstverständnis der deutschen Medienpädagogik und habe deshalb dieses Kapitel mit großem Interesse und Gewinn gelesen.

In dem Kapitel Gründe werden die Erwartungen und Begründungsmuster diskutiert, die mit dem Einsatz von Medien in der Praxis häufig verbunden werden. Neben quantitativen und qualitativen Effekten weist Kerres auch auf manchmal problematische Begründungsmuster hin und betont das Potenzial digitaler Medien zur Realisierung anderer, neuer Lernformen.

Besonders gelungen finde ich die Kapitel Lernen und Medien, Lernen mit Text, Bild, Ton sowie die beiden Kapitel zu didaktischen Methoden. Weit differenzierter als in den meisten anderen Lehrwerken werden hier theoretische Ansätze mit Gegenpositionen vorgestellt, empirische Befunde angeführt und praktische Konsequenzen aufgezeigt.

Im Übrigen hat Michael Kerres ein Begleitweb eingerichtet, in dem eine ganze Reihe aufgezeichneter Online-Vorlesungen, Links, weiterführende Informationen und Downloads zusammen gestellt sind. Es lohnt sich, dieses Angebot zu durchforsten, finden sich dort doch etliche Vertiefungen und Materialien in sinnvoller Ergänzung zu den Themen des Buches. Insgesamt ist Kerres damit ein Lehrbuch gelungen, das sowohl im Kontext von Lehrveranstaltungen eingesetzt werden kann, als auch für das Selbststudium geeignet ist. Ich kann es also Lehrenden und Lernenden im Kontext von E-Learning und E-Teaching unbedingt empfehlen.

Ein Nachsatz sei noch erlaubt. Warum werden eigentlich in Büchern, die sich mit der Nutzung digitaler Medien für Lehr-/Lernzwecke beschäftigen, Illustrationen, Bilder und Screenshots so sparsam verwendet? Auch das Buch von Kerres ist bei aller inhaltlichen Prägnanz eine Bleiwüste (das gilt leider für fast alle anderen Konkurrenzbücher aber genauso). An vielen Stellen wären sie nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern könnten erklärende Funktionen übernehmen. Das würde den Zusatzaufwand rechtfertigen.

L3T’s WORK - nochmal Koffer packen

Abgelegt unter: Fachliches — JoWe um 19:48 am 09.06.2012

Als einführendes Element bei L3T’s Work wuden die Erfahrungen der TeilnehmerInnen mit Lehr-/Lernmaterialien gesammelt und daraus ein Koffer gepackt, was davon in die Zukunft mitgenommen werden sollte. Dazu wurden zunächst dekadenweise für die letzten 50 Jahre Bildungsmedien gesammelt; es waren dann tatsächlich Geräte, Methoden und Konzepte. Zwangsläufig geschah dies sowohl aus Lernenden- als auch Lehrendensicht, denn die 60er und 70er Jahre hatten etliche der TN altersmäßig sicher erst als SchülerInnen erlebt. Das Kramen in Erinnerungen brachte manches inzwischen Vergessene an die Pinwand, z.B. das Epidiaskop, den Rechenschieber, oder die Umdrucker - besser bekannt als Nudelmaschinen (ich habe noch den Alkoholgeruch beim Drucken unserer studentischen Flugblätter in der Nase!).

Was uns Älteren noch gegenwärtig ist, führte doch zu einigen Nachfragen der Jüngeren. Etwa Was ist denn PLATO, Logo, Dynabook oder ALZUDI/COGENDI? Für diejenigen, die die Erläuterungen vor Ort nicht mitbekommen haben, als Kurzinfo:

  • PLATO - Programmed Logic for Automated Teaching Operations: Ein erstes (bereits vernetztes) System für Computer-unterstützten Unterricht. Technisch und konzeptionell ein ziemlich fortschrittliches System der Computerfirma CDC.
  • Logo: die von Seymour Papert konzipierte Programmiersprache mit niedriger Einstiegsschwelle und hoher Leistungsfähigkeit.
  • Dynabook: Die Vision von Alan Kay eines Computers für Kinder, mit der er ein persönliches elektronisches Buch entwirft (“carry anywhere”) mit Netzzugang (“bring the libraries and schools of the world to the home”.
  • ALZUDI/COGENDI: von Helmar Frank entwickelte Entwicklungswerkzeuge für Übungs- und tutorielle Proframme. Alzudi steht für Algorithmische Zuordnungsdidaktik, Cogendi für Computergenerierte Didaktik.

Am Ende war es wenig verwunderlich, dass mehr Erfahrungen und Konzepte “in den Koffer gepackt” wurden als konkrete Lehr-/Lernmaterialien; von denen gibt es halt zumeist aktuellere (digitale) Versionen. Nicht vertiefen konnten wir, warum nur der Konstruktivismus eingepackt wurde. Vielleicht, weil manches (entgegen bzw. unabhängig von der Expertenmeinung) sowieso überdauert? Ich denke an die vielen Apps, die unter dem Stichwort Bildung im App-Store zu finden sind und die doch eigentlich nichts anderes sind als grafisch aufgebrezelte Neuauflagen klassischer behavioristischer Vokabel- oder Rechentrainer.

  Das Kofferpacken hat mir jedenfalls wieder mal gezeigt, dass es lohnenswert wäre, eine Geschichte der (digitalen) Bildungsmedien zu schreiben (oder kennt jemand eine fundierte Darstellung; ich kenne nur bebilderte Übersichten). Wir könnten eine Menge davon lernen, vielleicht doch etliche gute Ideen und Konzepte wiederfinden, die mit dem Verschwinden der Gerätebasis auch verloren gegangen sind. Vorbild wäre Schulmeisters Kapitel Hypertext - Geschichte, Systeme, Strukturmerkmale und Werkzeuge im Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien

L3T’s WORK - Visionen zur Zukunft von Lern- und Lehrmaterialien

Abgelegt unter: Fachliches — JoWe um 15:17 am 04.06.2012

Auch wenn andere mal wieder viel schneller waren - wie Peter mit seiner ausführlichen Zusammenfassung und Wertung -  und auf die Gefahr hin, Dinge zu wiederholen: Der L3T’s WORK (shop) war so gut und inspirierend, dass ich einfach ein paar Aspekte ansprechen muss. Ich hatte ja auf der Hinreise schon getweetet Jetzt auf dem Weg zu #l3t Workshop in Bad Reichenhall. Freue mich auf Personen und Inhalte - in dieser Reihenfolge. Die Retweets zeigten, dass es anderen auch so gegangen ist. Und die Erwartung wurde nicht enttäuscht! Für mich war es eine inspirierende Mischung aus einigen alten Bekannten, erstmaliges Treffen virtueller Bekanntschaften und etlicher mir ganz neuer Namen und Gesichter. Das lag auch daran, dass es eine Mischung von Personen war, die eben nicht nur zu meiner engeren Community gehörten, sondern aus ganz anderen Arbeitsfeldern kamen.

Das zeigte sich sehr ertragreich bei der Bildung von Kleingruppen (ähnlich der World Café Methode), bei denen die unterschiedlichen Interessengruppen ihre Trends für die nächsten 5 Jahre formulierten. Bis auf die Politik waren mit dabei: Autoren, Lehrende, Lernende, Verlage, Bildungseinrichtungen und Hersteller. Allerdings waren es wohl vielfach mehr Wünsche als realistische Trends, die da formuliert wurden. Jedenfalls meine Einschätzung, wenn z.B. Verlagsvertreter von Plattformunabhängigkeit reden, Lehrende von der Durchdringung mit (standardisierten) iDevices, Bildungseinrichtungen vom Bottom Up-Druck, Lernende vom uneingeschränkten Zugriff auf Lernmaterialien, die Autoren von neuen Dienstleistungen in der Vertriebskette oder die Gerätehersteller von “content driven device development”.

Beim Marktplatz der Visionen ging es  dann weniger um erwartete Entwicklungen, als um gewünschte Szenarien. Leider fand mein 1:1. ab 1 (also 1:1-Ausstattung ab Klasse 1) keine UnterstützerInnen. Da ich mit meinem Lieblingsthema inzwischen mehrfach aufgelaufen bin, muss ich mir doch mal andere Einstiegsthesen und Begründungen einfallen lassen, denn offensichtlich halten viele dieses Thema für rein technikgetrieben, was es aus meiner Sicht allerdings nun gar nicht ist.

So habe ich mich der Gruppe L3T 2.0 angeschlossen (naja, Gruppe ist auch da leicht übertrieben; Martin und ich haben sie gebildet, aber wir haben uns dadurch sehr intensiv und konstruktiv unterhalten können). Zwar habe ich L3T 1.0 einigermaßen kontinuierlich verfolgt, aber es war sehr, sehr lehrreich, weitere Details über Vorgehensweisen, Hindernisse, Bedeutung des Marketing und Sponsoring zu erfahren. Natürlich haben wir dann Überlegungen zur Realisierung der Version 2.0 angestellt, die so konkret ausgefallen sind, dass das Plenum diese als sehr realistisch und wünschenwert eingestuft haben, so dass es bei der Gesamtbewertung zum Spitzenplatz gereicht hat. Ich hoffe, Sandra und Martin empfinden das als starke Rückendeckung, um dran zu bleiben … meine Unterstützung sollen sie diesmal haben.

Allerdings ist ja die Bewertung der Szenarien sehr mit Vorsicht zu genießen - ich verweise auf Peters ausführliche Darstellung (3) Verwirklichung/Praxis. Hier wäre einfach mehr Zeit nötig gewesen - und viele hätten diese auch aufgebracht (vgl. Guido Hornig und etliche Tweets).

Im Rahmen des ausgezeichneten freitäglichen Abendessens im Restaurant Salin fand schließlich der Wett(bewerb)  L3T’s bet! statt, bei dem konkrete Thesen (für die es konkrete Prüfkriterien gibt) durch das Setzen von Jetons über die zukünftige Entwicklung der Bildungsmedien bewertet werden sollten. Bei dem Zeithorizont 6, 12, 18 Monate bzw. noch später oder nie werden wir also in entsprechenden Zeitabständen von einer unabhängigen Jury erfahren, wer sich als kompetenter Zukunftsforscher qualifiziert haben wird.

Interessant finde ich im Übrigen, dass die Trends des Horizon Report 2012, die wir im OpenCourse 2012 thematisieren, bei diesem Workshop kaum oder gar keine Rolle gepielt haben. …

Viele inhaltliche Details wären noch berichtenswert; ich gehe aber davon aus, dass auch andere darüber berichten und auf der L3T’s WORK-Seite die Ergebnisse ausführlich dokumentiert werden. Bleibt mir abschließend zu sagen, dass die (im wahrsten Sinne des Wortes, gell Familie Schön!) familiäre Atmosphäre, die intensive Arbeit, die durchgängig kreative und inhaltsbezogene Vorstrukturierung der Arbeit bei gleichzeitiger Offenheit für die Inputs der TN (man merkt den erwachsenenbildnerischen Hintergrund des Teams) mir ein Gesamterlebnis beschert haben, wie ich es bisher (mit vielen Jahren Tagungserfahrung) selten erlebt habe. Nochmals Gratulation und Dank an das Team um Sandra und Martin, verbunden mit der Hoffnung, dass es vielleicht eine Fortsetzung in der einen oder anderen Form geben kann.

aus der Pressemitteilung: Dass sich das Treffen auch aus Sicht der Teilnehmer gelohnt zu haben scheint, zeigte sich auch in den angeregten Unterhaltungen beim Abschiedsumtrunk – einige taten sich sichtlich schwer, die Gespräche zu beenden und die Heimreise anzutreten.