Bin ich digital dement?

Abgelegt unter: Allgemein — JoWe um 22:28 am 04.08.2012

Der “renommierte Gehirnforscher” Manfred Spitzer (der eigentlich Psychiater ist) hat mal wieder ein Buch geschrieben (nein, kein Fachbuch, sondern ein populärwissenschaftliches), diesmal über Digitale Demenz. Was so bedrohlich klingt, ist aber keine Krankheit, sondern damit wird nach einer Umfrage und Debatte 2007 in Südkorea ein Symptom gesell-schaftlicher Veränderungen beschrieben. Jedenfalls ist Spitzer damit nun auf Werbetour durch die Medien und weil ich gestern mal wieder die NDR-Talkshow geguckt habe, konnte auch ich ihm nicht entgehen (ok, Zappen oder Ausschalten wäre natürlich möglich gewesen). Seine eloquente Mischung aus eingängigen (oft genug trivialen) Thesen, wissenschaftlicher Ummantelung (”eindeutig nachgewiesen”) und falschen Schussfolgerungen hat wohl nicht nur mich genervt. In der Talkrunde hat eigentlich nur Dana Schweiger kritisch nachgehakt und Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt fand Navis (s.u.) am Ende doch ganz hilfreich …

In manchem hat Spitzer ja recht. Ich kann und will natürlich nicht die schädlichen Wirkungen übermäßigen Medienkonsums  leugnen. Allerdings wohl nicht nur den der digitalen Medien, auf die Spitzer sich kapriziert; es gab ja auch schon die Debatten über Trivialliteratur und Comics. Er setzt dabei die Verwendung von Computern, Fernsehern, Smartphones und Playstations gleich und macht sie verantwortlich für Schulprobleme, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisverlust. In der Talkshow thematisierte er dazu Google und die Verwendung von Navis.

Google schwächt laut Spitzer (sein Bezug ist dieser Artikel) unser Gedächtnis, weil wir ja wissen, wir könnten es im Bedarfsfall wieder googlen. Ist das wesentlich anders, wenn ich im Brockhaus nachgeschaut habe? Eigentlich ist es nur ein Wandel und eine Ausweitung des transaktiven Gedächtnis. Ich bin überzeugt, dass das Auswirkungen auf unsere Lernstrategien haben kann und wird, will dies aber nicht negativ bewerten. Beim Auslagern von Gedächtnisleistungen kommt mir der Spruch auf meiner Werbetasse von IBM in den Sinn: Es ist noch Platz im Kopf

Navi an - Gehirn aus? Aber wie soll denn nach Spitzers Vorstellung heute das Fahren in einer fremden Stadt aussehen? Alle 200 m anhalten und im Straßenatlas nachgucken? Verlerne ich, nur weil ich im Auto das Navi benutze, die Fähigkeit, Karten und Atlanten zu lesen? Klar, sich blind aufs Navi verlassen und nicht mehr die realen - evtl. abweichenden - Gegebenheiten berücksichtigen, nicht mehr selber mitdenken, ist unklug. Ich vermute mal, wer so fährt, ist auch ohne Navi schon mal in der Pampa gelandet, nicht weil er was verlernt hätte, sondern weil er auch vorher schon gedankenlos agierte.

Und tatsächlich Gedächtnistraining mit Telefonnummern? Früher konnte ich mir die paar kurzen Festnetznummern schon merken. Heute ist mein persönliches Telefonverzeichnis  zig-fach länger und überwiegend mit diesen vielziffrigen Handynummern. Was soll daran wünschenswert sein, sich diesen ganzen Ballast zu merken? Wichtiger ist mein Informationsmanagement, nämlich sowas nicht nur im Handy gespeichert zu haben, sondern im handlichen, dünnen Terminkalender, den ich immer bei mir führe.

Ich finde die Ratschläge des Hirnforschers Spitzer jedenfalls nicht besonders hilfreich, weil wenig konkret, wie “Schule soll Freude machen” (NDR, Min. 15:25). Sie sind auch nicht unbedingt neu, denn dass Kinder mit Frühstück im Bauch besser lernen (NDR, Min. 16:30) wurde schon ohne ihn propagiert und praktiziert. Polemisch wird Spitzer, wenn er behauptet, die “wichtigen Fächer”, bei ihm Theaterspielen, Musik, Sport (NDR, Min. 19:20) seien herunter gefahren und durch die “Schwächen der Produkte der Firma Microsoft ersetzt worden“. “Der Computer gehört nicht in die Schule, denn er nimmt uns Arbeit ab” (NDR, Min. 5:00). Computerwissen lernen die Schüler “schon irgendwie”, weil sie ja so lange vor der Kiste sitzen. Ich bezweifle, dass sie beim Daddeln echte IT-Kenntnisse erwerben und schon gar nicht, wie Computer und Internet zum sinnvollen Arbeiten und Problemlösen genutzt werden können. Deshalb bleibe ich dabei, dass die Schule bewusst ein Gegengewicht zur außerschulischen IT-Sozialisation bieten sollte.

5 Kommentare »

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4. August 2012 @ 23:55

[…] background-position: 50% 0px ; background-color:#222222; background-repeat : no-repeat; } konzeptblog.joachim-wedekind.de - Today, 11:55 PM […]

Kommentar von Ellen Trude

5. August 2012 @ 10:34

Ein großes Danke für diesen tollen und zu recht kritischen Beitrag, der mich zur Aufzeichnung der Sendung und mir nun doppelt aus der Seele schreibt. Zum Thema Google fällt mir ergänzend ein, ich lernte in den frühen 70-gern an der Uni/Jurisprudenz: “Du musst nicht wissen, was drin steht, sondern nur, wo es steht.” Da gab’s zwar noch kein Google, aber das Prinzip ist ähnlich, oder?

Kommentar von Markus Deimann

6. August 2012 @ 11:25

Passend zu diesem schönen Beitrag die Debatte im Online Magazin “The Atlantic”. Pro Google, d.h. Spitzer argumentiert Nicholas Carr in “Is Google Making us Stupid?” und vertritt dabei eine deterministische Sichtweise (Google verändert bzw. verschlechtert unsere Denkweisen).

Dem hält Jamais Cascio mit “Get Smarter” entgegen und plädiert für eine neue Form des Gehinjoggings (Cognitive Calisthenics), das uns hilft, mit der zunehmenden Komplexität umzugehen.

Kommentar von Jana Wedekind

22. August 2012 @ 14:05

Gerade bin ich über den Artikel “Spitzer versteht das Netzlernen nicht” in der taz gestolpert. Dort beschreibt André Spang seine Sicht der Dinge. So schreibt er beispielsweise über ein Projekt der Uni Köln namens “mobiles Lehren und Lernen mit Wikis und Tablets”, bei dem es um die “kritisch-analytische, verantwortungsvolle und konstruktive Mediennutzung” geht und er bemängelt, dass Spitzers Position nunmehr für eine ablehnde Haltung bei Lehrern und Eltern sorgt.

Spitzer widerspricht sich meiner Meinung nach wenn er sagt, dass auf der einen Seite die Verwendung von Computern, Fernsehern usw. für Probleme in der Schule und Gedächtnisverlust sorgen, auf der anderen Seite aber der Meinung ist, dass Computerwissen werden sich die Schüler schon selber beibringen. Offensichtlich glaubt er doch keiner sei in der Lage “richtig” oder “gemäßigt” mit Medien umzugehen. Warum dann also nicht den sinnvollen Umgang dazu im Unterricht zum Thema machen?

Ich finde es schade, dass nach wie vor in den Medien die Diskussion um die schädliche Wirkung von digitalem Medienkonsum, sei es im Sinne von Spitzer oder aber auch in Hinsicht auf die gewaltauslösende Wirkung von Videospielen, vorherrscht. Wo bleibt die Auseinandersetzung mit den Vor- UND Nachteilen der Mediennutzung? Wo bleibt die kritische Diskussion von Medien(-nutzung) in der Schule oder dem Studium? Ist es nicht viel wichtiger nachfolgende Generationen mit dem technischen Grundwissen und den Kompetenzen für eine kritische Auseinandersetzung auszustatten als digitale Medien ständig zu verteufeln?

Den Artikel vom 22.08.2012 kann man unter folgender URL nachlesen: https://www.taz.de/1/archiv/archiv-start/?ressort=bi&dig=2012%2F08%2F22%2Fa0137&cHash=3be4ba79c1

Kommentar von JoWe

22. August 2012 @ 14:14

Jana, ich gebe dir Recht. Mich wundert, das noch keiner der etablierten Medienpädagogen Spitzer widersprochen hat. Die pladieren doch immer für Medienkompetenz und die kann ja wohl nicht erst ab der Volljährigkeit einsetzen …

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