Bin ich digital dement?
Der “renommierte Gehirnforscher” Manfred Spitzer (der eigentlich Psychiater ist) hat mal wieder ein Buch geschrieben (nein, kein Fachbuch, sondern ein populärwissenschaftliches), diesmal über Digitale Demenz. Was so bedrohlich klingt, ist aber keine Krankheit, sondern damit wird nach einer Umfrage und Debatte 2007 in Südkorea ein Symptom gesell-schaftlicher Veränderungen beschrieben. Jedenfalls ist Spitzer damit nun auf Werbetour durch die Medien und weil ich gestern mal wieder die NDR-Talkshow geguckt habe, konnte auch ich ihm nicht entgehen (ok, Zappen oder Ausschalten wäre natürlich möglich gewesen). Seine eloquente Mischung aus eingängigen (oft genug trivialen) Thesen, wissenschaftlicher Ummantelung (”eindeutig nachgewiesen”) und falschen Schussfolgerungen hat wohl nicht nur mich genervt. In der Talkrunde hat eigentlich nur Dana Schweiger kritisch nachgehakt und Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt fand Navis (s.u.) am Ende doch ganz hilfreich …
In manchem hat Spitzer ja recht. Ich kann und will natürlich nicht die schädlichen Wirkungen übermäßigen Medienkonsums leugnen. Allerdings wohl nicht nur den der digitalen Medien, auf die Spitzer sich kapriziert; es gab ja auch schon die Debatten über Trivialliteratur und Comics. Er setzt dabei die Verwendung von Computern, Fernsehern, Smartphones und Playstations gleich und macht sie verantwortlich für Schulprobleme, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisverlust. In der Talkshow thematisierte er dazu Google und die Verwendung von Navis.
Google schwächt laut Spitzer (sein Bezug ist dieser Artikel) unser Gedächtnis, weil wir ja wissen, wir könnten es im Bedarfsfall wieder googlen. Ist das wesentlich anders, wenn ich im Brockhaus nachgeschaut habe? Eigentlich ist es nur ein Wandel und eine Ausweitung des transaktiven Gedächtnis. Ich bin überzeugt, dass das Auswirkungen auf unsere Lernstrategien haben kann und wird, will dies aber nicht negativ bewerten. Beim Auslagern von Gedächtnisleistungen kommt mir der Spruch auf meiner Werbetasse von IBM in den Sinn: Es ist noch Platz im Kopf …
Navi an - Gehirn aus? Aber wie soll denn nach Spitzers Vorstellung heute das Fahren in einer fremden Stadt aussehen? Alle 200 m anhalten und im Straßenatlas nachgucken? Verlerne ich, nur weil ich im Auto das Navi benutze, die Fähigkeit, Karten und Atlanten zu lesen? Klar, sich blind aufs Navi verlassen und nicht mehr die realen - evtl. abweichenden - Gegebenheiten berücksichtigen, nicht mehr selber mitdenken, ist unklug. Ich vermute mal, wer so fährt, ist auch ohne Navi schon mal in der Pampa gelandet, nicht weil er was verlernt hätte, sondern weil er auch vorher schon gedankenlos agierte.
Und tatsächlich Gedächtnistraining mit Telefonnummern? Früher konnte ich mir die paar kurzen Festnetznummern schon merken. Heute ist mein persönliches Telefonverzeichnis zig-fach länger und überwiegend mit diesen vielziffrigen Handynummern. Was soll daran wünschenswert sein, sich diesen ganzen Ballast zu merken? Wichtiger ist mein Informationsmanagement, nämlich sowas nicht nur im Handy gespeichert zu haben, sondern im handlichen, dünnen Terminkalender, den ich immer bei mir führe.
Ich finde die Ratschläge des Hirnforschers Spitzer jedenfalls nicht besonders hilfreich, weil wenig konkret, wie “Schule soll Freude machen” (NDR, Min. 15:25). Sie sind auch nicht unbedingt neu, denn dass Kinder mit Frühstück im Bauch besser lernen (NDR, Min. 16:30) wurde schon ohne ihn propagiert und praktiziert. Polemisch wird Spitzer, wenn er behauptet, die “wichtigen Fächer”, bei ihm Theaterspielen, Musik, Sport (NDR, Min. 19:20) seien herunter gefahren und durch die “Schwächen der Produkte der Firma Microsoft ersetzt worden“. “Der Computer gehört nicht in die Schule, denn er nimmt uns Arbeit ab” (NDR, Min. 5:00). Computerwissen lernen die Schüler “schon irgendwie”, weil sie ja so lange vor der Kiste sitzen. Ich bezweifle, dass sie beim Daddeln echte IT-Kenntnisse erwerben und schon gar nicht, wie Computer und Internet zum sinnvollen Arbeiten und Problemlösen genutzt werden können. Deshalb bleibe ich dabei, dass die Schule bewusst ein Gegengewicht zur außerschulischen IT-Sozialisation bieten sollte.