Alles eine Frage des Alters?
Eigentlich war ich schon gestern dabei einen entsprechenden Blogeintrag zu schreiben, habe es dann aber erstmal bei dem passenden Cartoon belassen, den ich kurz zuvor gefunden hatte. Denn ich erhielt in meinem Feed-Reader über Michael Kerres den Hinweis auf den Aufsatz (naja, leicht untertrieben, es ist ein 101 S.-Werk!) von Rolf Schulmeister Gibt es eine “Net Generation”?. Den habe ich jetzt also vorher noch gelesen.
Mir ist schon klar, welcher Generation ich mich selber zuordnen muss, nämlich den Baby Boomers (die nach gängiger Zählung etwa die Jahrgänge 1945 bis 1960 umfassen). Aber ich habe ein nettes (für mich neues) Etikett gefunden und zwar bezogen auf die Webnutzung; danach zähle ich zu den Silver Surfers (nachdem ich von meinen Kolleginnen auch schon Silberrücken genannt wurde).
In der Populärliteratur werden gerne solche Etiketten für Generationen vergeben, also nach den Baby Boomers die Generation X (1960-1980) und die Generation Y, auch NetGen genannt (1980-1999). Spannend wird es aber erst, wenn diesen Generationen noch bestimmte Merkmale und Eigenschaften zugesprochen werden. Besonders prägnant hat dies Prensky (2001) formuliert, wenn er von den digital natives spricht. Danach haben wir es nun mit einer Studierenden-Generation zu tun, die anders denkt und Informationen verarbeitet als wir älteren digitalen Immigranten, weil sie durch jahrelangen intensiven Umgang mit Videospielen, Fernsehen, E-Mailen und Simsen(aber relativ wenig mit Bücher Lesen) andere Hirnstrukturen ausbilden, sich also richtiggehend physiologisch von uns unterscheiden (sollen, laut Prensky). Die digitalen Eingeborenen sind dadurch in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen (Multi-Tasking), sind bildorientiert und suchen rasche Rückmeldungen für ihre Aktionen.
Ich habe diese Postulate nie sonderlich ernst genommen. Allerdings haben sie mit der Aufnahme und Verbreitung durch etliche Bildungskommentatoren, ja selbst durch Bildungswissenschaftler (vgl. z.B. den SCIL-Arbeitsbericht 12 zum Thema Ne(x)t Generation Learning), durchaus ein Gewicht und Eigenleben entwickelt, als ob es sich um theoretisch und empirisch fundierte Aussagen handelte. Der Bildungsbereich steht (berechtigterweise) unter kritischer Beobachtung von außen. Prensky lässt seine Postulate deshalb auch in konkrete Forderungen münden, denn um den Lernbedürfnissen der digitalen Eingeborenen gerecht zu werden, müsse sich das Bildungssystem rasch und merklich verändern. Die Lehrenden – laut Prensky ja „digitale Immigranten“ – sind aufgefordert, zu überdenken was und wie überhaupt gelehrt wird. Dadurch wird ein entsprechender Handlungsdruck auf die Institutionen ausgeübt (bei Prensky führt das übrigens zu eher skurrilen, von jeglicher fachdidaktischen Kompetenz befreiten Vorschlägen, etwa zum Geografieunterricht).
Lehrende, Bildungsverwaltung und Politik haben allerdings den Anspruch, dass der Ruf nach grundlegenden Veränderungen auf fundierten, datenbasierten Argumenten beruht. Grundlagen dazu sind vorhanden, denn inzwischen gibt es eine Reihe von Studien zu Mediennutzung und Nutzermotiven. Ich wollte dies skizzieren anhand der Arbeiten von Kennedy et al. bzw. der CIBER Forschungsgruppe am University College London. Aber statt dieses doch sehr punktuellen Ansatzes kann ich ja nun ganz aktuell auf Rolf Schulmeisters Arbeit verweisen. Er wertete in einer umfassenden Analyse mehr als 45 empirische Studien zu Mediennutzung und Nutzermotiven von Kindern und Jugendlichen aus. Damit gelangt er zu einer differenzierten Beschreibung von Mediengebrauch, Nutzungsfrequenz, Nutzungsmotiven und Kompetenzen. Für mich besonders interessant ist sein 7. Kapitel zu Lehren und Lernen. Denn auch wenn bei den Studierenden ausgeprägte Alltagsfertigkeiten hinsichtlich etablierter Technologien (wie E-Mail, Chat, Suchmaschinennutzung) vorzufinden sind, ist die Nutzungsfrequenz von Werkzeugen, die eigenständige und produktive Aktivität erfordern (wie Blogs, Wikis, Multimediabeiträge online stellen) eher ernüchternd. Auch der Wunsch nach Medieneinsatz im Lehr-/Lernkontext ist nicht sehr ausgeprägt, eine Trennung von der Alltagsnutzung gewünscht (don’t enter my space!).
Es kann also festgehalten werden, dass wir es heute mit bzgl. Medien deutlich unterschiedlich sozialisierten Personen zu tun haben. Es ist deshalb tatsächlich bedeutsam, über deren Mediennutzungsgewohnheiten und deren Medienkompetenz Genaueres zu wissen und daran anknüpfend zu überlegen, welche Kompetenzen ausgebaut werden müssen und welche Kompetenzen in Lehr-/Lernsituationen aufgegriffen und konstruktiv genutzt werden können. Thomas Reeves stellt dazu in dem Review Do Generational Differences Matter In Instructional Design fest, dass nicht diese Differenzen ein spezifisches Design erfordern, sondern prinzipiell versucht werden sollte, der Diversität der Lernenden gerecht zu werden - ein Anspruch, dem wenig hinzuzufügen ist.
PS: Übrigens bezeichnet Rolf Schulmeister seinen Aufsatz als “Work in Progress” und erhofft sich Anregungen, Anmerkungen und Korrekturen. Nun sind die bisherigen Kommentare und Hinweise aber bei etlichen Edu-Bloggern verteilt. Ob Rolf die überhaupt alle liest? Deshalb wäre es eigentlich ideal, wenn er selbst ein Blog führen würde. Werd ich ihm mal mailen …