Ist Wissensarbeit 2.0 traumhaft oder traumatisch?
Der Blog Carnival bei wissenswert von Andrea Back und Jochen Robes läuft nun schon einige Zeit. Mich haben die dort gestellten Fragen daran erinnert, das ich eigentlich schon beim Web 1.0 eine starke Veränderung meines Arbeitsstils bemerkt hatte.
Ob ich seitdem mit Information und Wissen effektiver umgehen kann? Die Tools, die mir den Zugang dazu erleichtern (sollen), verändern eher die Effizienz. Ich war eigentlich schon immer gut vernetzt und schickte damals (also vor 1992, als es mit E-Mails und Internet richtig los ging) viele Postkarten herum, um früh an graue Papiere und Sonderdrucke zu kommen. Das ist heute auf jeden Fall einfacher und ich halte Blogs, Wikis und die zunehmenden Online Publikationen wirklich für einen Segen. Die Zeit, das alles zu verarbeiten, wird dadurch aber nicht mehr …
Ob sich dadurch Produktivität und Qualität der Arbeit verbessert hat, ist schwer zu sagen. Wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen, hat sich auch im Wissenschaftsbetrieb das Arbeitstempo verschärft, gerade wenn es um Fördergelder geht oder um die Verlängerung der eigenen Publikationsliste. Wird diese Tempoverschärfung durch Web 2.0 noch begünstigt? Auf jeden Fall sind schnellere Absprachen, Rückfragen, kollaboratives Arbeiten und eben auch direkter Zugriff auf (hochaktuelle) Informationen möglich. Wenn ich meine eigene Arbeit beurteilen soll, möchte ich mal vorsichtig behaupten, die Qualität hat darunter keinesfalls gelitten …
… die Produktivität sicher auch nicht. Die Frage, ob die Vorteile der neuen Arbeitsmittel durch negative Seiteneffekte überkompensiert werden, finde ich etwas daneben. Wäre ja schon schlimm genug, wenn alle Vorteile schlicht kompensiert würden. Wenn dem so wäre, würde ich sie sicher nicht einsetzen. Ich muss gestehen, ich habe sowieso eine gewisse Resistenz, alles gleich intensiv zu nutzen. Wikis, Blogs sind ok (in meinen Lehrveranstaltungen inzwischen obligatorisch), manches andere eher sporadisch (wie Second Life, Podcasts, social bookmarking), Twittern gar nicht.
Bei e-teaching.org beschäftigen wir uns zwangsläufig mit vielen der neuen Tools (und deren Liste ist ja ziemlich lang und entwickelt sich immer noch dynamisch, vgl. z.B. die Social Media Map (Tipp von Martin) oder die Top 100 Liste bei Jane Hart). Insofern verläuft mein persönlicher Lernprozess, sich diese Arbeitspraktiken anzueignen, ziemlich kontinuierlich über die KollegInnen, denn eine(n) kann ich (fast) immer fragen - sehr hilfreich!
Fazit: Traumhaft oder traumatisch ist mir also ein bisschen zu reißerisch formuliert. Obwohl begeisterter Unterrichtstechnologe, habe ich mir eine gesunde Portion Skepsis gegenüber Trends und Werkzeugen bewahrt. Gerne probiere ich Neues aus, aber die Übernahme in meinen Arbeitsalltag wird von Pragmatismus bestimmt und wohl deshalb ist die Liste meiner Werkzeuge für die Wissensarbeit 2.0 sehr übersichtlich geblieben.