Hochschuldidaktik

Abgelegt unter: Fachliches — JoWe um 18:20 am 30.10.2006

Am Wochenende bin ich endlich dazu gekommen in die Paneldiskussion „E-Learning: Glanz und Elend an der Hochschule“ hinein zu hören, die während der GMW-Tagung 2006 in Zürich stattgefunden hat und die jetzt online gestellt wurde (das ist der Nachteil ständig verfügbarer Informationen im Web: die spannende Diskussion konnte ich mir nur am Wochenende anhören – neben der Tagesarbeit im Büro ging’s einfach nicht). Gleich ziemlich zu Anfang bin ich über die von Peter Baumgartner vertretene These gestolpert: „Wir haben eine sehr miese didaktische Situation in der Lehre an der Hochschule, ob nun mit E-Learning oder ohne E-Learning. Wir haben die Frage des E-Learning doch gerade deshalb aufgegriffen, weil wir der Hochschuldidaktik zum einem Revival verhelfen wollen.“ Richtig. Damit greift Peter Baumgartner auf, was u. a. schon 2001 von Rolf Schulmeister auf der Tagung „Studieren mit Multimedia und Internet – Ende der traditionellen Hochschule oder Innovationsschub?“ in Darmstadt vertreten wurde.

Leider erlebt die Hochschuldidaktik aber nicht das ersehnte Revival, auch nicht durch E-Learning! Eigentlich war die Hochschuldidaktik nie sonderlich etabliert, die Blumen der 70er Jahre (Hochschuldidaktikzentren) sind schnell verwelkt (das heißt etliche wurden wieder geschlossen). Zwar keimen (z.B. hier bei uns in Baden-Württemberg) ein paar neue Pflänzchen, wie das HochschulDidaktik Zentrum. Mit wie viel Gegenwind dabei schon wieder zu rechnen ist, zeigen die folgenden Zitate.

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In der vorletzten Ausgabe von attempto!, der Zeitschrift der Eberhard-Karls Universität Tübingen, mit dem Titel „Das Recht auf gute Lehre – was kann Hochschuldidaktik leisten?“ wird die Lehre an der Universität Tübingen und die Rolle der Hochschuldidaktik thematisiert. E-Learning wird dabei nur am Rande angesprochen (in einem Beitrag von Birgit Gaiser und mir, ebd. S. 16-17). Es geht um die Qualifizierung von Dozierenden für die Lehre und Erwartungen der Studierenden an gute Lehre. Sogar die Forderung nach einem Exzellenz-Programm für die Lehre wird von Professor Gaehtgens, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz 2003 – 2005, erhoben. Aber beim Lehren und Lernen des Lehrens und damit an der Hochschuldidaktik selbst, da scheiden sich dann doch die Geister. Gaehtgens (S. 7) formuliert es noch moderat: „Didaktische Ausbildung von Hochschullehrern ist sicher sinnvoll, aber man sollte nicht zuviel von ihr erwarten … Am meisten lernt man aus positiven Beispielen und Fehlern, die man selber macht, sofern man bereit ist, sich mit der Rückmeldung konstruktiv zu befassen. Insofern ist vernünftig vorgebrachte studentische Kritik eine sinnvolle Sache …“

Heftiger kommt es dann in dem Kurzbeitrag von Prof. Jürgen Mittelstraß „Hochschuldidaktik als Reparaturwerkzeug“ (S. 8-9), in dem er seine Kritik wiederholt und pointiert, die er bereits 1995 in einem Beitrag „Vom Elend der Hochschuldidaktik“ formuliert hat. Neben dem sicher korrekten Hinweis, dass für unbefriedigende Lehr- und Lernverhältnisse an den Hochschulen ungesundes Wachstum (hier sind wohl die Studierendenzahlen gemeint), chronische Unterfinanzierung, unzureichende Unterbringung und schlechte Ausstattung ursächlich seien, werden dann vier „didaktische und damit auch erziehungswissenschaftliche Anmaßungen“ von ihm genannt, die gute Lehre eher verhindern als befördern.

1. „Die universitäre Didaktikdominanz ist das Kind einer stecken gebliebenen Hochschulreform…“
Hier wird eine „Pädagogisierung und Didaktisierung der Hochschulwirklichkeit“ beschworen, die es doch überhaupt nicht gibt. Dazu sind nun wirklich die hochschuldidaktischen Zentren, von denen so etwas ausgehen könnte, zu dünn gesät und die Frequentierung ihrer Angebote durch die Hochschullehrenden viel zu gering. Ein anderer Fundamentalkritiker der Hochschuldidaktik sagte es so (Lange, zitiert nach Schulmeister, 2001, S. 1): „…entwickelte sich eine explizite Hochschuldidaktik vor allem als ödes Refugium für gescheiterte Psychologen, die mit kaum zu überbietender Penetranz und Langeweile hunderten von Hochschuldozenten (es waren sicher kaum mehr)…“
So dominiert also die Didaktik die Hochschulen, ohne ihre Adressaten zu erreichen? Hier spricht doch eher die Arroganz derjenigen, die es als Zumutung betrachten, dass ein Teil ihrer Tätätigkeit (übrigens heißt es Lehr-Stuhl nicht Forschungs-Stuhl) extern begutachtet werden könnte, und zwar nicht nur von „vernünftigen Studierenden“, sondern sogar hochschulübergreifend durch Gutachtergruppen – in Baden-Württemberg durch eine Evaluationsagentur.

2. „Hochschuldidaktik unter Bedingungen finanzieller und quantitativer Fehlentwicklungen ist Reparaturdidaktik“
Diese Aussage kann sicherlich dick unterstrichen werden, spricht aber nicht gegen die Hochschuldidaktik. Gegen die Zumutungen neuer Überlasten sollte man sich wohl wehren. Allerdings reicht es dafür nicht, vergangene und idealisierte Zeiten zu beschwören, sondern es könnten durchaus kreative Formen der Hochschullehre zur Bewältigung der Probleme beitragen. Aber professionelle Hilfe bei der Problembewältigung wird schroff abgelehnt.

3. „Hochschuldidaktik ist nach wie vor Teil einer Pädagogisierung der Hochschulen… so sah das auch, jedenfalls 1980, die Deutsche Forschungsgemeinschaft: Hochschuldidaktik sei, so hieß es „Ausfluss einer wissenschafts- und hochschulfeindlichen Kritik und Hochschulpolitik“ und komme einer Trivialisierung von Wissenschaft und Studium gleich“
Immerhin forderten inzwischen andere, durchaus auch renommierte Institutionen (u.a. der Wissenschaftsrat 1998 oder die BLK 2000) die Qualifizierung für die Lehre und sogar für die Nutzung digitaler Medien zu verbessern. Typischerweise nehmen aber an entsprechenden Veranstaltungen meist nur Nachwuchswissenschaftler/innen teil, die etablierten Hochschullehrer/innen stimmen mit den Füßen ab und solidarisieren sich so unausgesprochen mit der Mittelstraßschen Pädagogenschelte.

4. „Die eigentliche Heimsuchung der Universität ist… eine didaktische Ordnung, die sich an die Stelle der Wissenschaft setzt“
Andere sehen ja eher die Dauerevaluation von Hochschulen als Heimsuchung an. Dabei spielen dort Fragen der Qualität der Lehre für das Ranking zumeist eine untergeordnete Rolle. Aber wer meint „Es kommt darauf an, selbst unter den Bedingungen einer Massenhochschule, an die Kraft einer disziplinär geordneten Wissenschaft zu glauben und Forschungsprozesse selbst derart mit Vermittlungsprozessen zu verbinden, dass es einer besonderen Vermittlungstechnik, die der Wissenschaft immer äußerlich bleiben wird, nicht bedarf“ wird hohe Drop-out Quoten halt auf die fehlenden Begabungen und Bemühungen der Studierenden zurück führen und nicht auf die fehlenden Lehrqualifikationen und Bemühungen der Lehrenden.

Wenn ich das so lese, dann weiß ich nicht so recht, wen wir von den schönen Potenzialen der social software und konstruktivistischen Lernumgebungen eigentlich überzeugen können. Ich fürchte die Mehrzahl der Hochschullehrenden ignoriert sowohl die Angebote der Hochschuldidaktik als auch die Potenziale des E-Learning.

2 Kommentare »

Trackback von mediendidaktik.de

31. Oktober 2006 @ 22:03

Hochschuldidaktik lebt!…

Joachim Wedekind schreibt in seinem Blogbeitrag: Hochschuldidaktik über die - enttäuschte - Hoffnung, dass mit E-Learning die Diskussion über Hochschuldidaktik Aufwind erhalten könnte.

“Leider erlebt die Hochschuldidaktik aber nicht das ersehnt…

Trackback von lernpfade

8. November 2006 @ 19:36

Unterrichten mit PowerPoint ist möglich…

12 Strategien für aktives Lernen unter Einsatz von PowerPoint erläutert das Center for Teaching and Learning der University of Minnesota. Dazu noch ein Wort zur aktuellen Diskusison über den Stand der Hochschuldidaktik in Deutschland, wie Sie Joachi…

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