A/V-Boom?

Abgelegt unter: Allgemein — JoWe um 12:22 am 09.04.2010

Nach einigen Tagen Urlaub steht das Aufarbeiten der aufgelaufenen Informationen an. Tweets nachlesen geht schon mal gar nicht; es sind einfach zu viele. Bei RSS-Feeds wirds auch mühsam. Was mir aufgefallen ist (auch wenn ich dazu keine Strichliste angelegt habe): Es gibt immer mehr Audio- und Videobeiträge, auf die per Tweet verwiesen wird oder die direkt in den Blogs angeboten werden. Ich habe damit ein Problem.

Nach jahrelanger Praxis kann ich schriftliche Dokumente relativ schnell überfliegen, auf Relevanz für mich überprüfen, Argumentationsstränge nachvollziehen und bei Bedarf Passagen exzerpieren oder speichern. Bei den Audio- und Video-Beiträgen kann ich das nicht. Da bin ich gezwungen, alles von vorne bis hinten anzuhören/anzusehen; wenns wirklich wichtige Passagen sind womöglich mitschreiben. Für mich widerspricht das dem schnellen Medium. Gut, bei YouTube kann ich im Prinzip durchscrollen, dann aber nur am Bild orientiert. Bei den Webaudios gibt es i.d.R. keinen schnellen Vorlauf mit Ton - obwohl ich mich erinnere, dass auf der DeLFI 2006 eine Studie vorgestellt wurde, dass bei bis zu dreifacher Ablaufgeschwindigkeit der Sinngehalt noch erfassbar sei.

Aber letztlich ist es eben eine Form der linearen Rezeption in Echtzeit (die ich meistens nicht habe bzw. aufwenden kann und will). Da hilft es dann auch wenig, wenn z.B. der geschätzte Herr Larbig bei seinem neuesten Audiobeitrag anmerkt, dass auf jeden Fall die letzten 2:30 (von insgesamt 17) Minuten wirklich angehört werden sollten.

11 Kommentare »

Kommentar von Beat Döbeli Honegger

9. April 2010 @ 12:41

Lieber Joachim,

ich teile Dein Problem mit nicht scan-/blätterbarem A/V-Content. Auch bei mir bleiben Videos und Podcasts liegen, weil ich auf später verschiebe, wenn ich mehr Zeit am Stück zu haben meine.

Liegt das an unserer Sozialisierung mit Textmedien, an bisher fehlenden Werkzeugen zum effizienten Scannen von A/V-Medien oder geht das prinzipbedingt nicht?

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9. April 2010 @ 12:48

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Kommentar von Herr Larbig

9. April 2010 @ 14:32

Danke für diesen Beitrag, der mein Denken angeregt hat. Diese Gedanken habe ich (bitte nicht böse sein ^^) als Audio eingesprochen. Aber ich habe mal ein Resümee / Abstract hinzugefügt, um das hier genannte Problem aufzugreifen und ihm ein wenig entgegen zu kommen. Der Beitrag findet sich unter

http://audioboo.fm/boos/114502-a-v-boom-neue-mundlichkeit-zuruck-in-die-steinzeit

Kommentar von JoWe

9. April 2010 @ 15:11

Abstract ist schon mal hilfreich. Damit kommt es näher an Vorträge, die häufig mittels eines Abstracts angekündigt werden und damit Entscheidung ermöglichen, ob ich hingehe/zuhöre. Den gibt es aber fast nie im Web, aber gerade dort ist ja Vorselektion ein ganz entscheidender Punkt. Wenn ich mich dann mal entschieden habe, kann ich durchaus damit umgehen.

Bei der Einübung der Mündlichkeit sind wir uns vermutlich ziemlich einig. Ich erinnere mich an einen Vortrag, bei dem der Redner den Vorwurf, man könne seinem (abgelesenen) Vortrag wohl kaum folgen, konterte mit dem Hinweis, sein Gedankengang sei so kompliziert, dass er ihn selber ablesen müsse. Er hätte sich also, damit wir Zuhörer eine Chance auf Wissensverarbeitung und Wissensintegration bekommen, der “Mündlichkeit” seines Vortrags annehmen müssen …

Kommentar von SierraX369

11. April 2010 @ 11:48

Die Zeit zumindest bei den Audiobeiträgen kann man sich imho nehmen…. etwa während der Autofahrt, Bahnfahrt oder einer Reise. Für Videobeiträge gilt ähnliches bloss das die Autofahrt zumindest als Fahrer streichen muss. Es scheint aber auf alle Fälle eine Selektion nötig. Und die Parameter für diese Selektion muss jeder Konsument für sich selbst ergründen. Etwa anhand der Tags oder der Beschreibungen. Macht man bei einem Buch das man sich kauft doch auch nicht anders.

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11. April 2010 @ 17:53

[…] Gedankengängen so zu folgen, wie dies bei geschriebenen der Fall ist. Zunächst kam ein Blogeintrag von Joachim Wedekind zu diesem Thema, in dem er seine Beobachtung festhält, dass es immer mehr A/V-Beiträge im Netz gebe (z. […]

Kommentar von JoWe

13. April 2010 @ 08:58

@SIERRAX369 Als passionierter Nutzer des ÖPNV bin ich (im Tübinger Stadtverkehr) viel zu kurz unterwegs, um das alles nachzuhören, was sich so ansammelt. Im Bus ist meist auch so viel Betrieb um mich rum, dass ein konzentriertes Hören schwer fällt.

Beim Buch kann ich mal kurz durchblättern, bei A/V geht genau das halt nicht und somit fehlt die Selektionsgrundlage. Und ehrlich gesagt, die meisten sind nicht so anregend aufbereitet, wie die von Herrn Larbig …

Kommentar von Helge

15. April 2010 @ 15:04

Eine echte Rückbesinnung auf Text und Bild täte uns glaub ich allen ganz gut. Video hat es evolutionsbiologisch eben am einfachsten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das ist in unseren Cortex eingebrannt, weil Bewegung in der Umgebung Gefahr bedeuten kann… wie Recht unser Cortex doch damit hat (angesichts des in der Masse sinkenden Niveaus im Bewegtbild das über TV derzeit über Deutschlands größtes Zwangs-Pay-TV “GEZ” ausgestrahlt wird).

Schon das zitieren aus einem Video haut ja kaum hin. Es beleibt also ein weitgehend Bezugsloses Medium. Von ein paar Rezensionen die eine Hand voll Kinofilmkritiker z.B. für Unterhaltungsfilme erstellen mal abgesehen, ist doch die Auseinandersetzung mit Video eher die Ausnahme. Oder hat hier schonmal jemand was gelesen wie “In Minute 55 spricht Person X von Y und fällt dabei besonders auf in Bezug auf Z.” Das wäre ja aber eigentlich notwendig.

Wenn sich ständig etwas vor den eigenen Augen bewegt, erkennt man nichts mehr. Nichts macht das für mich deutlicher als ein Zitat eines Indianerstammes: “Man kann kein Spiegelbild sehen in fließendem Gewässer, nur in ruhendem Gewässer erkennt man es.”

Nur so ein paar Gedanken dazu… im Sinne einer gelebten Kommentarkultur… ;-)

Kommentar von Frank Vohle

16. Mai 2010 @ 11:47

Eine interessante Diskussion. Ich meine aber, dass wir die Formate nicht gegeneinander ausspielen dürfen. Jedes Format (Video, Audio, Text) hat - eingebettet in ein didaktisches Szenario - seinen (Mehr)Wert. Wenn ich aber alle Formate unter der “Zeit-Informations-Optimierungs-Prämisse” betrachte, dann können in der Regel lineare Informationsangebote nicht mithalten. Wenn ich aber mal “mehr Zeit am Stück habe” (Beat, s.o.), dann komme ich dazu (bin willens und emotional bereit) mir ein längeren Podcast anzuhören, die Steuerung in die Hand des hoffentlich guten Redners zu legen, der seine Argumente entfaltet. Wenn ich in eine selbst erlebte und videographierte Situationen (wieder) eintauchen will, dann setze ich mir den Kopfhörer auf und schaue ein Video an, z.B. das Video zu meinem Unterricht. Es kommt also drauf an.

Eine andere Idee wäre, dass man die Formate mehr verbindet, Text mit Video oder Audio.

Frank

Kommentar von JoWe

18. Mai 2010 @ 11:30

Hallo Frank, da könnte man fast mit Väterchen Franz (-Josef Degenhardt) sagen “du hast recht und du hast recht, alle haben recht”. Klar, es kommt drauf an … ganz besonders wenn es um unterrichtlichen Einsatz geht. Da bin ich auch für methodische Vielfalt und Freiheit und die Suche nach angemessenen Formen; auch wichtig: das Kennenlernen unterschiedlicher Nutzungsformen.

Mein Ausgangspunkt war allerdings nicht der Unterricht, sondern meine persönliche Erfahrung beim Aufarbeiten meiner Info-Quellen. Und da gehts mir eben wie Beat: es sammeln sich die Audios und Videos und nur selten findet sich die Zeit, die dann in Ruhe und in Gänze aufzunehmen. Was ich ab und an dann nachhole sind übrigens eher die nicht fachlichen Fundstücke … sagt das was aus?

Kommentar von Frank Vohle

27. Mai 2010 @ 19:42

Hallo Joachim,

ok … mit wahren und informationsarmen Aussagen kommt man im Zweifel weiter, manchmal in den Himmel ;-).

Also noch einmal: die Info-Quellen waren es. Hmm, ich hatte ja angedeutet, dass die Verbindung von Text, Video und Audio hier interessante Möglichkeiten bieten könnten. Leider liegen diese Cross-Formate noch nicht so zahlreich (+ kohärent mit wiss. Anspruch) vor. Warum also kein Text, der mit Audio und Videovertiefungen bestückt ist? Warum kein Video, was mit Textvertiefungen + Time-Tags verbunden ist? Ich weiß, ich sehe überall nur noch Annotierungen :-).

“Nichtfachliche Fundstücke”, … dafür nimmst du dir Zeit, interessant!! Wahrscheinlich, weil du nicht das Problem des Auswahl(drucks) hast? Weil “Nichtfachliches” entlastet, dich auf andere (Quer)Gedanken bringt? Weil du es nicht unter einer Verwertungslogik lesen musst? Hmm.

Noch ein letzter Satz zum Info-Problem: Ich selber lese unvernünftig wenig, dafür suche ich Kontakt zu Menschen, die viel gelesen haben :-). Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich nicht.
Frank

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