MOOCs - so und so gesehen
Wann kommt es schon vor, dass gleich innerhalb weniger Tage das eigene Interessengebiet es prominent in die Tages- bzw. Wochenpresse schafft? So geschehen beim Thema MOOC.
In der Frankfurter Allgemeinen schreibt Fridtjof Küchemann über die Globalisierung der Lehre. Immerhin 8 Zeilen widmet er den ersten MOOCs, den sog. cMOOCs, erwähnt Siemens und Downes, deren Kurs Connectivism and Connective Knowledge und weist auf das Versprechen gemeinsamen Lernens ohne Lernziele und Prüfungen hin. Der Rest des Artikels beschränkt sich dann aber auf die xMOOCs. Dass dabei etliche fragwürdige Aussagen herauskommen, liegt weniger am Autor als an den zitierten Meinungen der befragten Experten.
Für den Münchner LMU-Präsidenten Huber haben MOOCs ein ganz neues pädagogisches Konzept und führen zu einer Demokratisierung des Bildungsangebots. Na, da sehe er sich besser mal Schulmeisters Vortrag an. Aber Huber ergänzt dann ja auch, es sei erklärtes Ziel, damit die Münchner Uni weltweit bekannter und als Studienort interessanter zu machen. Ob es die Münchner schaffen, durch ihre MOOCs die Präsenzvorlesungen zu interaktiven Lehreinheiten umzuwandeln, im Sinne des flipped classroom, wie es der Informatiker Kleinsteuber mit seinem Coursera-Kurs Computer Vision möchte, wird sich erst später im Jahr herausstellen. Der BWL-Professor Kretschmer sieht die Online-Kurse als Herausforderung, denn “bei Coursera hören die Leute einfach auf, ich muss schon schauen, wie ich sie bei der Stange halte.” Aha, bei seiner Präsenz-Veranstaltung muss er das nicht? Das würde mich doch wundern.
Wundern muss ich mich auch, wenn Prof. Hoyer, Rektor der Fernuniversität Hagen mit der Aussage zitiert wird, dass alles, was wir bei den MOOCs sehen bei der FU Hagen schon Teil des Systems sei, dort dann mit Durchlässigkeit zu Zertifikaten und akademischen Abschlüssen. Offene Kurse (kostenfrei, rein online, global zugänglich, definiertes Zeitfenster) von dort sind mir aber nicht bekannt.
In der Summe ist der Artikel dennoch ganz informativ und frei von inhaltlichen Fehlern. Anders bei der ansonsten von mir geschätzten ZEIT (wieder einmal!). In ihrer Rubrik Wissen widmet sie gleich drei Seiten dem Thema Uni für alle (bisher leider nur in der Papierausgabe). Der Erfahrungsbericht einer indischen Schülerin mit Agarwals Kurs Circuits and Electronics ist ja erhellend (und zeigt durchaus Potenziale globaler Bildungsangebote); auch die Übersicht, wie die Online-Uni funktioniert, ist soweit ok. Aber der zweiseitige Hauptartikel “Harvard für alle Welt” von Drösser und Heuser ist dann doch grenzwertig.
“An den Universitäten von heute geht es zu wie vor 500 Jahren”. Das ist der Eingangssatz; klingt zwar gut, stimmt allerdings nicht. Aber jetzt wird es ja anders: “die besten Hochschulen der Welt stellen die besten Vorlesungen und Seminare ihrer besten Professoren ins Netz.” Fakt ist, dass es bisher einige wenige Hochschulen tun. Angefangen haben sowieso Einzelpersonen, erst dann sind die Hochschulen aufgesprungen. Ob immer alles vom Besten ist, bleibt fraglich (siehe o.g. Vortrag Schulmeisters), denn ein Qualitätsmanagement bei den großen Anbietern (Coursera, Udacity, EdX) kenne ich nicht bzw. ist nicht offen und transparent.
Einfach ärgerlich sind die falschen Informationen im Artikel. Wie inzwischen fast immer, werden die Ursprünge der MOOCs ignoriert, Siemens und Downes hier nicht einmal erwähnt. Salman Khan ist nun wirklich nicht der Auslöser der MOOC-Welle, selbst wenn er Thrun zu seinem ersten MOOC, Introduction to AI, eben einem xMOOC, inspiriert haben sollte. Khans Prinzip ist auch nicht das des flipped classroom, allenfalls werden seine Materialien von anderen in diesem Sinne genutzt. Und die MOOCs beruhen schon gleich gar nicht auf dem Prinzip, weil sie nicht blended sondern rein online ablaufen. Die Khan Academy bietet ja auch keine Kurse an, sondern ist ein Repository für Open Educational Resources - was ja nichts Schlechtes ist. Obwohl, vielleicht haben Drösser & Heuser da so ihre Zweifel, wenn sie schreiben “heute ist seine Akademie so etwas wie das Coca-Cola der Onlinebildung”.
So geht es weiter. Persönlichkeitsbildung und Erziehung zum kritischen Denken kann natürlich nur an den Elitehochschulen, aber nicht an den Massenhochschulen geleistet werden. Allerdings, auch unsere bundesdeutschen Exzellenzuniversitäten sind das wegen der Forschung und nicht, weil sie mit hervorragender Lehre geglänzt hätten.
Ach, was reg ich mich eigentlich auf; damit lande ich eh nicht auf den Seiten von FAZ oder ZEIT. Ich freue mich lieber auf meinen nächsten MOOC, den COER13 …
Update 21.3.: Der ZEIT-Artikel ist seit heute auch online verfügbar. Also selber lesen …

