Begriffswirrwarr: Edupunk, MOOC - schon Mainstream?
Manchmal möchte man gerne wissen, wie eigentlich recherchiert wurde, wenn dann so ein Interview-Artikel von Alexandra Werdes herauskommt, wie in der letzten (ansonsten von mir geschätzten/abonnierten) ZEIT: Die Edupunks kommen! (leider nur auf totem Holz verfügbar). Die Überschrift sichert Aufmerksamkeit, auch wenn der Begriff Edupunk nur beiläufig auftaucht und ausgerechnet auf den Edupunks’ Guide von Anya Kamenetz verwiesen wird, die nach Ansicht von Stephen Downes “is obviously not familiar with any of the ideas and trends characterizing edupunk, do-it-yourself, informal, online, or community-based learning”. Das trifft großteils auch auf das ZEIT-Interview zu.
Befragt wird Prof. Ayad Al-Ani (Professur Strategy, Organizational Behavior, and Human Resources) von der ESCP Europe. Dass er mir bislang weder in den bisherigen Förderprogrammen zum E-Learning (des Bundes und der Länder, die er im Vergleich zu Südkorea (?) und Großbritannien als moderat einstuft) aufgefallen ist, noch als Praktiker (z.B. durch umgedrehte Vorlesungen), mag meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet sein. Auf Nachfrage führt er ja 20 Jahre Erfahrung in der Unternehmensberatung an, wo “seit vielen Jahren auf elektronische Wissensvermittlung gesetzt” wird (Frage an Jochen Robes: Ist das dort wirklich schon die gängige Praxis?). Mein Verdacht ist allerdings eher, dass hier jemand mit Aussensicht und anderen als didaktisch-methodisch motivierten Kriterien an die Hochschullehre herangeht. Immerhin, Herr Al-Ani “spürt, dass man den Leuten nicht mehr als zwei Stunden am Stück etwas erzählen kann”.
Jedenfalls nimmt er im Wesentlichen elektrifizierte Vorlesungen wahr. So nennt er die üblichen Verdächtigen, also iTunesU mit deutschem Vorzeigebeteiligtem LMU München. Überhaupt die großen Namen: Warum eine BWL-Grundvorlesung? “Man könnte stattdessen eine hervorragend produzierte Vorlesung aus Stanford in den Lernkanon aufnehmen …”, angeboten von “medienattraktiven Superstars”. Kein Wunder, dass dannn auch als MOOC-Beispiele im Kasten “Bildung für alle” natürlich Prof. Thruns KI-Vorlesung sowie edX und Coursera genannt werden. Ausgerechnet die elektronischen Varianten klassischer Vorlesungen und nicht die MOOCs im Sinne von Downes und Siemens, die dem Edupunk deutlich näher stehen … abgesehen davon, dass mit opco11, ocwl11 und opco12 inzwischen auch deutschsprachige Experimente genannt werden könnten.
Herr Al-Ani landet am Ende dann doch wieder beim Blended Learning, dem “Unterlegen mit einer interaktiven Lernschleife”. Statt Top-Down-Wissensvermittlung sieht er Lernen in 1:1-Beziehungen. Er (man?) spricht dann von “lateralem Lernen”. Ich kannte bisher nur laterales Denken (umgangssprachlich auch Querdenken genannt). Aber vielleicht hat Herr Al-Ani das aufgrund seines fachlichen Hintergrundes von lateralem Führen abgeleitet. Interessanterweise greift er auch das (umstrittene) Konzept der Lehrprofessuren auf, denn die sollen dann Mentoring und Tutoring übernehmen. Und ganz am Ende des Interviews läuft es dann auf neue Geschäftsmodelle hinaus (Gabi Reinmann hat das bereits kritisch vermerkt): Scouts helfen Studierenden beim Lernpfad-Management und Agenturen suchen Angebote nach “Interessen und Budget” heraus.
Wer also als Außenstehender mit diesem Artikel in der Rubrik Chancen einen notgedrungen knappen aber adäquaten Einstieg in die Veränderung der Hochschullehre durch neue, offene Netzangebote sucht, der wird fehlgeleitet, denn hier führt die Platzbeschränkung zu einer sehr einseitigen Situationsbeschreibung und Perspektiveneinschätzung. Schade.
