Selbsternannte Experten

Eigentlich ist das einzig Gute, dass die Rolle der digitalen Medien in der Schule überhaupt wieder heftig diskutiert wird – aber das Niveau ist für einen altgedienten Mediendidaktiker wie mich eher frustrierend: Nachdem die Diskussion der Digitalen Demenz endlich wieder abgeflaut ist und nach der – laut Kraus – Zwangsdigitalisierung, nun also wieder gleich ein ganzes Buch zur Lüge der Digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen. Ich muss zugeben, ich habe das Buch nicht mehr gekauft und gelesen; mir hat das Interview in der SZ mit einem der Autoren und die Rezension von Beat Döbeli gereicht. Ich finde es immer wieder ernüchternd, allerdings auch in unsere gegenwärtige Medienlandschaft passend, wie selbsternannte Experten mit provokanten Titeln kurzfristig Themen besetzen können, nicht zuletzt weil die Presse darauf anspringt und Interviews dazu platziert. Das nützt sicher dem Buchverkauf, bringt aber die inhaltliche Diskussion leider nicht wirklich weiter.

Jetzt also der Industriekaufmann, Wirtschaftspädagoge und Wirtschaftswissenschaftler Gerald Lembke, nach seinen eigenen Worten Motivator und Keynoter als wichtige Anlaufstelle in allen Fragen der Digitalität (Wirtschaftswoche) und Der Experte für soziale Medien (Hessischer Rundfunk, SWR, SAT1, RTL), ein Trendforscher, der sich ärgert über den Aktionismus und Unkenntnis deutscher “digitaler” Bildungspolitik (immerhin ein Punkt, bei dem wir uns evtl. inhaltlich nahe kommen könnten) und schließlich noch Professor für Digitale Medien an der Berufsakademie Mannheim. Sein Co-Autor ist Dipl. Volkswirt Ingo Leipner (Textagentur EcoWords).

Nun haben Außenstehende manchmal durchaus einen erfrischend unvoreingenommenen Blick auf Problemlagen in einem Bereich. Das ist ja ok, solange dabei subjektive Erfahrungen nicht verallgemeinert werden. Das passiert aber hier. Theoretische Bezüge sind entsprechend zufällig und einseitig. So wird hier wieder mal (wie andernorts auch gerne) neurowissenschaftliche und entwicklungsbiologische Reife für den zielgerichteten Einsatz für den Lernprozess angeführt. Lembke berichtet sogar von eigener Forschung zur Rezeption analoger vs. digitaler Quellen, leider ohne Zitate. Beide Autoren waren mir bisher nicht als Experten in diesem Bereich untergekommen und die aktuelle Suche im Netz hat mir auch keine aktive Beteiligung der Autoren Lembke & Leipner in diesem Forschungsfeld zeigen können. Entsprechende einschlägige Publikationen? Fehlanzeige. Alles kein Problem wenn man eine Streitschrift vorlegen will; dann sollte man sie aber nicht mit fremder Wissenschaftlichkeit adeln wollen.

Manche Aussagen klingen zwar provokant, sind aber eigentlich inhaltsleer (zitiert aus dem SZ-Interview): Natürlich hat Wischkompetenz (Umgang mit dem iPad) nichts mit Medienkompetenz zu tun, aber dann gilt übrigens genauso, dass Blätterkompetenz (Umgang mit Büchern) wenig mit Lesekompetenz zu tun hat. Es ist wenig verwunderlich, dass wenn Kinder mit Smartphones, Tablets und Co. hantieren, [..] sie sie völlig kontextfrei [bedienen] – nicht mit den Zielen Wissensaneignung und -verwertung. Sie sollen und dürfen laut Lembke ja damit sowieso nur spielen, das aber von Eltern eng begleitet und kontrolliert. Wie passt es damit zusammen, zu fordern die Lehrer bei der Digitalisierung der Bildung (den Begriff mag ich gar nicht; was das eigentlich sein soll, wäre ja eine eigene längere Abhandlung wert) stärker in die Pflicht zu nehmen, ihnen konkrete Einflussmöglichkeiten aber erst ab dem 12. Lebensjahr zuzugestehen, wenn die Mediensozialisation also bereits weit fortgeschritten, wenn nicht gar abgeschlossen ist (Lembke & Leipner sollten mal die JIM– und KIM-Studien rezipieren).

Es macht ja wenig Sinn, diesen scharfen Thesen (Selbstcharakterisierung Lembke) entsprechend pointiert zu entgegnen. Denn die Gestaltung von Unterricht, die Anpassung des Bildungswesens an sich wandelnde Erfordernisse ist vielschichtig und kompliziert und nicht mit solchen schwarz-weiss-Positionen kompatibel. So wird Prof. Lembke wohl weiter mit reglementiertem Zugang zu Computerräumen und geschlossenen Laptops seine Studierenden als digitale Avantgarde an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim ausbilden.

3 Gedanken zu „Selbsternannte Experten

  1. A bissle Gegenwind bekommen die Autoren ja schon hier und anderswo. Mit „wenig Sinn“ meinte ich das Abfassen eines Gegenpamphlets, weil damit kann man zwar die mangelnde Seriösität von Lembke & Leipner zeigen, aber eben nicht die notwendig differenzierte Gegenposition vermitteln. Aber vielleicht fehlt mir dazu auch nur die polemische Phantasie 😉

    • Ja, Gegenwind gibt es schon. Ob der ankommt, bin ich mir bloß nicht sicher. Und nein, ein Gehenpamphlet halte ich auch für unnötig — zumindest in meinem durchaus nicht-so-medienaffinen Umfeld ist beispielsweise auch so nichts von digitaler Demenz übrig geblieben.

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