Angefangen hat Anja Assion (ist schon zwei Monate her) mit einem Interview mit einer “Digital Native” und dann haben sich ein paar gedacht, das kann man per Selbstgespräch eigentlich fortführen, so Felix, DonDahlmann, Sven, Tim, Christian und vor kurzem auch Helge. Die Fragen haben sich dabei z.T. leicht geändert, und so dachte ich, als Silver Surfer mach ich das jetzt einfach auch mal …
Joachim, zur Generation der Digital Natives kannst du dich schwerlich zählen. Sagt dir der Begriff trotzdem etwas?
Generationszuordnungen finde ich prinzipiell problematisch. Ich bin ja auch kein Alt-68er, nur weil ich damals studiert habe. Ich fand Prensky’s Begriff von Anfang an daneben, vor allem seine Behauptung, dass intensive Erfahrungen mit digitalen Medien zu unterschiedlichen Hirnstrukturen führen sollen. Rolf Schulmeister hat das (inzwischen in der 3. Version) alles sauber zerpflückt und deutlich gemacht, dass dadurch nur Diversität zugekleistert wird und wir damit einer Mehrheit von Schülern und Studierenden nicht gerecht werden.
Du bist 63 Jahre alt und hast natürlich auch einen eigenen Computer. Seit wann besitzt du ihn und musst nicht mehr den Familien-PC benutzen?
Also bei uns war mein privater Rechner immer auch der Familien-PC. Den ersten habe ich 1980 gekauft. Das war der KISS, ein CP/M-Rechner, Vorläufer des Alphatronic PC von Triumph-Adler; dafür gab es eine bereits erstaunlich leistungsfähige Textverarbeitung. So alle zwei bis drei Jahre verkaufte ich den Rechner und ersetzte ihn durch ein neueres Modell, bis ich 1994 meinen ersten privaten Mac hatte, der dann Grundstock für mein kleines Museum mit inzwischen 12 Apple-Rechnern bildete. So habe ich alle Phasen und Varianten der PC- und Internet-Entwicklung hautnah miterlebt. Entsprechend viele unterschiedliche Betriebssystem (Versionen) - manche parallel im Betrieb - erschwerten den Alltag. So viele nutzlos gewordene Technikkenntnisse und Fertigkeiten! Jede Tastatur war ja anders ausgelegt, aber das hielt uns flexibel. Das Programmieren - noch heute ein Hobby von mir - hatte ich übrigens auf Großrechnern (der Telefunken TR 440) und Minicomputern (der legendären PDP-11) gelernt. So viele Programme, die nirgends mehr zum Laufen zu bringen sind …
Wo bewegst du dich denn im Internet? Hast du eine eigene Homepage bzw. einen Blog?
Seltsame Frage. Im ultimativen Hypermedium, wie es das Web darstellt, bewege ich mich ja nicht in abgegrenzten Räumen. Klar gibt es interessenbedingt erste Anlaufstellen, aber ich freue mich nach wie vor, wenn es mich über etliche Verlinkungen wieder mal zu überraschend spannenden neuen Informationsquellen verschlägt.
Eine eigene Homepage hatte ich anfangs über das Institut, an dem ich arbeite; seit einigen Jahren auch eine private. Als ich Anfang der 90er meine erste Webseite mit Passbildchen dekorierte kam der Kollegenkommentar “wie kann man sich nur so exhibitionieren …”. Was die damaligen KollegInnen wohl heute zu Blog und Twitter-Tweets von mir sagen würden? Aber wer sich wie ich beruflich mit E-Teaching und E-Learning beschäftigt, muss mit den Tools und Arbeitsweisen einfach auch persönliche Erfahrungen sammeln und sich in entsprechenden Communities bewegen. Ich wundere mich eher, wie wenige meiner KollegInnen das auch machen.
Und wie schaut bei dir ein normaler Tag – in Bezug auf das Internet – aus?
Am Arbeitsplatz ist der Rechner den ganzen Tag an. Morgens werden erstmal die E-Mails gecheckt, die RSS-Feeds (ein Segen!) überflogen und auch in Twitter rein geschaut. Ansonsten versuche ich das auf zwei, drei Mal am Tag zu beschränken, denn zugegebenermaßen hat das einen gewissen Ablenkungscharakter. Während konzentriertem Lesen und Schreiben ist der Rechner deshalb immer im Ruhezustand.
Welche Rolle spielt das Internet bei der Arbeit?
Ohne läuft nix, denn wie gesagt ich befasse mich damit ja auch beruflich.
Beaufsichtigst du deine Kinder, wenn sie im Internet sind? Und hast du deine Kinder über „richtiges Verhalten” im Internet geredet?
Meine sind volljährig und verhalten sich - soweit ich das beurteilen kann - ziemlich vernünftig im Internet. Liegt sicher mit daran, dass auch sie beruflich bzw. studienbedingt intensiv damit zu tun haben. Sie sind in einem Haushalt aufgewachsen, in dem der Zugang zu Rechnern und Internet von Anfang an selbstverständlich war. Wir haben das nicht speziell gefördert und Medienkompetenz nicht zum Erziehungsziel erklärt, wohl aber so etwas wie “Lebenskompetenz”.
Was verstehst du persönlich - unabhängig von der Meinung deiner Kollegen, Freunde oder anderen - unter „richtigem Verhalten” im Netz?
Warum sollte ich mich im Netz anders verhalten als im “richtigen” Leben? Ich vermute, diejenigen, die in der relativen Anonymität des Netzes ignorieren, dass am anderen Ende der Leitung zu respektierende Menschen sitzen, sind meist auch real Dumpfbacken.
Sollte man deiner Meinung nach alles, was im Internet verfügbar ist, auch frei nutzen dürfen? Oder kannst du auch die Urheber verstehen, die das nicht möchten?
Natürlich kann ich den Wunsch verstehen, nicht alles frei verfügbar zu machen. Wer von seinen Werken leben will und muss, soll das können. Ich kaufe also CDs und DVDs, die ich besitzen möchte. Das Argument “für den Schrott bezahle ich doch nix”, ihn dann aber zu saugen, entlarvt sich selbst.
Allerdings bin ich Anhänger von Open Access und Open Content. Dass Steuergelder mehrfach eingesetzt werden müssen, bis Forschungsergebnisse allgemein verfügbar sind, darf nicht sein. Neue Geschäftsmodelle (z.B. die Hybridpublikationen des Waxmann-Verlags, die online kostenlos verfügbar sind aber auch in gebundener Form erworben werden können) und auch neue Review-Formen, die Online-Publikationen befördern, unterstütze ich sehr. Da ich nicht mehr meine Publikationsliste aus Karrieregründen pflegen muss, stelle ich persönlich alles, was ich noch so schreibe, auf meiner Webseite zur Verfügung und wähle die mir geeignet erscheinende Creative Commons-Lizenz.
Wahrscheinlich hast du auch schon Leute übers Internet kennengelernt. Wie kam es zu den Kontakten und habt ihr euch auch in der „realen Welt” schon einmal getroffen?
Übers Bloggen, Twittern, Foren und Communities kommt es natürlich zu vielen Kontakten, die anders nicht ohne weiteres entstanden wären. Der Umgangston im Netz ist dabei locker. Bei realen Treffen sind dann manche - wenn sie sich nicht über mich vorinformiert haben - überrascht einem grauhaarigen älteren Herrn gegenüber zu stehen. Ich finde das lustig, sie meistens auch …
Ein bekannter Wissenschaftler hat einmal gesagt: „Das Internet vergisst nie.” Was meinst du, hat er damit gemeint?
Das was er gesagt hat. Aber er hat unrecht. Meine frühen Seiten sind in der WayBackMachine des Internet Archivs nicht mehr auffindbar. Als Nostalgiker finde ich das schade.
Joachim, danke für die Zeit, die du dir genommen hast!