Bücher, eBooks, iBooks …

Abgelegt unter: Allgemein — JoWe um 22:23 am 22.01.2012

Es war schon mal erstaunlich, wie gleichlautend die etablierten Zeitschriften-Portale das Apple-Event letzten Donnerstag angekündigt hatten, als “Apple will/kann/wird das Schulbuch/den Schulbuchmarkt revolutionieren/neu erfinden” (zeit.de, stern.de, spiegel.de usw.). Nun hat Apple also drei neue Produkte vorgestellt: iBooks 2, iBooks Author und iTunes U, d.h. die Version 2 der iPad-App iBook mit lernspezifischen Erweiterungen, eine (kostenlose) Entwicklungsumgebung zur Erstellung digitaler Bücher und iTunes U als App mit dem Zugriff auf (kostenlose) Kurse vieler Bildungseinrichtungen. Hat sich mit Apples Produktvorstellungen tatsächlich etwas verändert?

Apps oder iBooks? Ich hatte schon zwei schöne eBooks auf dem iPad, nämlich Die Elemente von T. Gray und Our Choice von Al Gore, nur dass es sich dabei eigentlich nicht um eBooks handelt, sondern um Apps, also Programme, die mit entsprechenden Entwicklungstools erstellt wurden. Für iBooks 2 gibt es gratis Life on Earth von E.O. Wilson, um damit die Funktionalitäten zu demonstrieren, die mit den neuen eBook möglich werden, wie Bildergalerien, interaktive Diagramme, Notizen (übertragbar in Lernkarten). Die eBooks sind damit den o.g. Apps mindestens ebenbürtig, eher noch flexibler in der Nutzung.

Mit iBooks Author hat Apple zudem ein Entwicklungswerkzeug vorgestellt, das nach meinem ersten Eindruck den Autoren das Erstellen von eBooks deutlich erleichtert; es erinnert stark an das Layout-Programm Pages (ausführlich testen konnte ich iBooks Autor noch nicht; bin froh, es überhaupt auf meinem alten Rechner mit OS X 10.6.8 dank einer hilfreichen Anleitung zum Laufen gebracht zu haben). Das wird vermutlich ein echter Fortschritt gegenüber den bisherigen Werkzeugen sein - unsere eigenen Gehversuche u.a. mit Calibre, Sigel und InDesign waren doch eher mühsam. Soweit, so gut.

Interaktivität: eBooks sind immer noch Bücher. Ihre Interaktivität beschränkt sich nach wie vor auf die ersten drei Stufen der Interaktivität (nach Schulmeister, 2005), also Objekte betrachten und rezipieren, multiple Darstellungen betrachten und rezipieren sowie die Repräsentationsform variieren. Den Inhalt der Komponente beeinflussen, Objekte bzw. den Inhalt der Repräsentation konstruieren und Prozesse generieren sowie konstruktive und manipulierende Handlungen mit situationsabhängigen Rückmeldungen sind damit nicht möglich, was sich auf die realisierbaren Lehrformen auswirkt. Die iBooks unterstützen damit im Wesentlichen expositorische und erarbeitende Lernaktivitäten. Explorative und expressive (artikulative) Aktivitäten (nach Mellar et al., 1994). sind damit nicht möglich.

Fazit: Sicherlich sind iBooks eine deutliche Weiterentwicklung gegenüber klassischen Lehrbüchern, aber dennoch perpetuieren sie klassische Vermittlungsformen und nutzen noch nicht das Potenzial handelnder Erfahrungen in realitätsnahen Lernumgebungen. Es bleibt also spannend, wie Lehrmittelverlage auf Apples Angebot reagieren, aber auch wie Lehrkräfte dessen neue Möglichkeiten nutzen. Ich warte aber mindestens so gespannt auf die ersten Ergebnisse des Projekts Technology Enhanced Textbook, bei dem die von mir genannten Mängel der iBooks im Fokus von Neuentwicklungen stehen.

Begriffswirrwarr: Top Tools for Learning

Abgelegt unter: Allgemein, Fachliches — JoWe um 19:28 am 20.01.2012

Der Themenschwerpunkt bei e-teaching.org lautet derzeit Tools, Tools, Tools … Wir verstehen dort darunter digitale Werkzeuge, mit denen sich E-Teaching/E-Learning planen, umsetzen und praktizieren lässt. Interessant in diesem Kontext auch: Seit einigen Jahren veröffentlicht Jane Hart, die das Portal C4LPT betreibt (ein Portal als resource site for the use of new technologies for working and learning), eine Liste der Top 100 Tools for Learning, aktuell die Liste für 2011. Die Liste entsteht jeweils aus den Top 10 einer Befragung von learning professionals worldwide (2011 mit n = 531) über die C4LPT-Website. Die Befragten sollten natürlich wissen, was von Jane Hart unter “learning tool” verstanden wird, also:

What is a “learning tool”? This could be a tool you use to create or deliver learning content/solutions for others, or a tool you use for your own personal learning.

Eigentlich wie bei e-teaching.org. Hier die aktuellen Top 30:

<kursiv: Platzierung | 2010 | 2009 | 2008 | 2007, F = free, P = paid for, D = download, O = online>

  1. Twitter - micro-sharing site   |  1 |  1 | 11 | 43=    F O
  2. YouTube - video-sharing tool | 2 |  3 | 18 | 22=   F O
  3. Google Docs – collaboration suite (incl Google Forms) |  3 | 5 | 7 | 14    F O
  4. Skype - instant messaging/VoIP tool  |  6 |  11= | 4 | 3=    F/P D
  5. WordPress - blogging tool  | 8 | 6 | 5 | 6=6=    F O/D
  6. Dropbox - file synching software   | 13 | 71= | – | -   F/P O/D
  7. Prezi - presentation software  | 12 | 28 |  - |  -   F O
  8. Moodle - course management system  |  10 | 14= | 9 | 12=    F/D
  9. Slideshare - presentation sharing site  | 5 | 7 | 20 | 31   F O
  10. (Edu)Glogster - interactive poster tool  | 25 | 55= | – | -  F O
  11. Wikipedia - collaborative encyclopaedia  | 16 | 17 | 13 | 26=  F O
  12. Blogger/Blogspot - blogging tool  | 14 | 14= | 10 | 9  F O
  13. diigo - social annotation tool  | 15 | 22= | 35= | 72=  F O
  14. Facebook - social network   | 9 | 31= |  24 | 17=  F O
  15. Google Search - search engine  | 11 | 8 | 6 | 3  F O
  16. Google Reader - RSS reader   | 7 | 4 | 3 | 7=  F O
  17. Evernote - note-taking tool  | 23 | 27 | – | 16=  F D
  18. Jing - screen capture tool   | 17 | 20 | 26= | -  F D
  19. PowerPoint - presentation software  |  21 | 13 | 8 | 5  P D
  20. Gmail - web-based email service   | 31 | 21 | 14 | 7=  F O
  21. LinkedIn - prof social network  | 30 | 38= | 30= | 31=   F O
  22. Edmodo - edu social networking site  | 46 | 88 | – | -   F O
  23. Wikispaces - wiki tool  | 17 | 29 | 19 | 15   F/P O
  24. Delicious - social bookmarking tool  |  4 | 2 | 1 | 2  F O
  25. Voicethread - collaborative slideshows  | 19 | 19 | 23 | –   F/P O
  26. Google+ - social network  - F O   Highest placed new tool
  27. Animoto - videos from images  | 28 | 31= |  - |  -  F O
  28. Camtasia- screencasting tool   |  27 | 26 | 26= | 50=  P D
  29. Audacity  - sound editor/recorder  | 24 | 9= | 12 | 11  F D
  30. TED Talks - inspirational videos   F O  New

Wenn ich mir die Liste(n) so ansehe, komme ich inzwischen doch sehr ins Grübeln, ob ich wirklich alle genannten Tools als Lernwerkzeuge ansehen soll. Klar, mit etlichen arbeite ich selber auch und kann sie Lernenden für ihre eigene Arbeit durchaus empfehlen. Aber sind es deshalb schon Lernwerkzeuge? Ist Skype ein Lerntool, ist Dropbox ein Lerntool? Spezifisch für den Bildungsbereich entwickelt (von den obigen 30) wurden eigentlich nur Moodle, Glogster EDU und Edmodo.

Mit didaktischer Phantasie kann natürlich fast jedes Werkzeug sinnvoll in Lehr-/Lernkontexten genutzt werden. Aber eine Eingrenzung auf lehr-/lernspezifische Funktionalitäten macht Sinn und erleichtert den Praktikern den Einstieg. Dafür sind dann das Portal Learners´ Garden (MediaLab/AG Nordmeier, Didaktik der Physik an der FU Berlin) oder die Tool-Datenbank (des Learning Lab am Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement der Universität Duisburg-Essen) zu empfehlen.

Gastbeitrag Prof. Hisgen … Chancen & Risiken (Glosse 33)

Abgelegt unter: Glosse — JoWe um 18:38 am 11.01.2012

Auf dem weihnachtlichen Gabentisch hat Prof. Hisgen (hier bekannt durch seinen Briefwechsel mit Kollegin K. Latsch) ein Statistik-Buch gefunden, dass er sofort gründlich durchgearbeitet hat: Was wir tun, wenn der Aufzug nicht kommt. Die Welt in überwiegend lustigen Grafiken. Nun reifen bei ihm Pläne, selber mit Grafiken an die Öffentlichkeit zu gehen:

Werte Kollegin Latsch,

wie Sie bei unserer langjährigen Zusammenarbeit ja mitbekommen haben, bin ich ein Fan der deskriptiven Statistik, hilft sie doch, insbesondere mit einsichtigen Grafiken, aus drögen Zahlen überraschende Einsichten zu gewinnen. Der neue Band von Berlin & Grünlich (2012) hat das Zeug, in dieser Hinsicht ein Standardwerk zu werden. Da sollten Sie unbedingt mal reinschauen.

Wie Sie sich nun wahrscheinlich schon gedacht haben, bin ich dabei, auch in unserem Themenfeld mit solchen Grafiken unbekannte Sachverhalte zu illustrieren. Ich füge ein Beispiel bei, das für sich sprechen sollte. Es geht um die Chancen & Risiken, die von unterschiedlichen Akteuren mit den digitalen Medien in der Bildung verbunden werden:

Weitere Grafiken sind in Arbeit - und wenn Sie daran interessiert sind, kann ich Sie Ihnen gerne bei Gelegenheit zukommen lassen.

beschäftigte Grüße, Ihr Prof. Hisgen

Weihnachten 2011

Abgelegt unter: Allgemein — JoWe um 15:38 am 24.12.2011

               morgendlicher Blick aus dem Büro auf Tübingen mit Stiftskirche

Das Wetter ist schmuddelig, von weißer Weihnacht keine Spur. Trotzdem allen meinen LeserInnen  geruhsame Feiertage und ein gutes neues Jahr 2012!

Wenn ich so meine Blog-Feeds und Twitter sehe, war 2011 bei den sozialen Medien ein bewegtes Jahr. In der Edu-Community gab es steten Wandel. Christian ist bei Twitter wieder eingestiegen, Michael Kerres hat das Bloggen wieder aufgenommne und etliche sind nun (zusätzlich) bei Google+ (ich auch). Der Austausch geht also weiter und ich habe vor dabei zu bleiben, auch wenn bei mir 2012 entscheidende berufliche und private Veränderungen anstehen. Ich werde berichten …

Zur Zitierkultur der E-Learning Community

Abgelegt unter: Fachliches — JoWe um 23:44 am 11.12.2011

Update: Dies ist die Aktualisierung meines Beitrags was sagen diese Zahlen  vom 02.09.2011. Inzwischen konnte ich einige weitere Bücher auswerten und habe mir deshalb den Beitrag noch einmal vorgenommen und um die neuen Zahlen erweitert. Bei den Lehrbüchern ist die Neuauflage des Handbuch E-Learning hinzu gekommen, bei den Tagungsbänden die Doppeltagung GMW/DeLFI 2011. Ganz neu ist jeweils ein Vergleich von Erst- und Neufassung der Lehrbücher von Schulmeister bzw. Kerres und schließlich ein Blick in die wissenschaftlichen Online-Zeitschriften jero und MedienPädagogik. Die geänderten bzw. neu hinzu gekommenen Textpassagen sind kursiv gekennzeichnet.

Vor kurzem habe ich das Lehrbuch L3T intensiver gelesen für eine Rezension bei e-teaching.org. Dabei habe ich u.a. festgestellt, dass es sich auf aktuelle Entwicklungen konzentriert, man könnte auch sagen beschränkt. Für mich, der nun über 35 Jahre in diesem Bereich arbeitet, beginnt E-Learning nicht erst in den Neunzigern mit den webbasierten Anwendungen, wie es die Konzentration auf entsprechende Nutzungsformen suggerieren könnte. Natürlich ist vieles aus der Frühzeit der Unterrichtstechnologie (wie ich die 70er und 80er bezeichnen möchte) schlicht überholt. In einem Lehrbuch sollten aber die wichtigsten Konzepte und Ansätze dargestellt werden, die sich in heutigen Anwendungen wieder finden oder ihre Entwicklung beeinflusst haben. Schulmeisters Kapitel zu Hypertext bietet einen solchen Überblick auf dem (gesicherten) Stand der Wissenschaft mit Anschlussmöglichkeiten an aktuelle Entwicklungen.

Ich habe mich gefragt, ob die AutorInnen die früheren Arbeiten nicht kennen oder bewusst ausklammern. Um mich dieser Frage zu nähern, habe ich einfach mal die zitierte Literatur des L3T nach Jahreszahlen ausgezählt (n=1094, orange). In der Grafik habe ich die Prozente eines Jahrgangs aufgetragen gegen das Alter der Publikationen (wobei ich ab 10 Jahren Doppeljahrgänge, ab 20 Jahren jeweils 5 Jahre und ab 30 Jahren jeweils ein Jahrzehnt zusammen gefasst habe, um so die Jahresachse übersichtlich zu halten).

Dabei zeigte sich - für mich durchaus überraschend, dass eine Menge älterer Arbeiten zitiert werden. Ich hatte keine Zeit, die zitierten Arbeiten auch noch inhaltlich zu clustern, habe allerdings den groben Eindruck, dass die älteren Arbeiten eher aus den Bezugswissenschaften (wie z.B. Psychologie) stammen und weniger aus Unterrichtstechnologie und Mediendidaktik.

Die Auszählung war schnell gemacht, also habe ich zum Vergleich noch ein zweites Lehrbuch heran gezogen, das Kompendium multimediales Lernen von Niegemann u.a. (2008). Dabei zeigt sich dann, dass die Arbeiten (n=898, blau) doch gleichmäßiger verteilt sind und deutlich mehr auf frühe Arbeiten verwiesen wird. Vielleicht liegt es ja daran, dass Niegemann genauso lange wie ich im Geschäft ist und genauso aktiv war in den Zeiten vor dem E-Learning im Web … Die neu erschiene Auflage des Handbuch E-Learning hat (bei n=657) eine ähnliche Verteilung wie L3T aber mit einem Peak 2000-2003.

Inzwischen habe ich zusätzlich die Lehrbücher von Rolf Schulmeister und Rolf Kerres ausgezählt. Dazu habe ich Schulmeisters Grundlagen hypermedialer Lernsysteme (1996) (1125) mit seinem Band eLearning: Einsichten und Aussichten (2006) (338) verglichen. Interessanterweise bezieht er sich im jüngeren Band deutlich häufiger auf Klassiker aus früheren Jahrzehnten. Das Gleiche habe ich mit dem Buch Multimediale und telemediale Lernumgebungen: Konzeption und Entwicklung von Michael Kerres gemacht: 1. Auflage 1998 mit der geplanten 3. Auflage (nun mit dem Titel Mediendidaktik). Auch bei ihm ist ein leichter Trend zum vermehrten Bezug auf klassische Arbeiten zu verzeichnen. 

Spaßeshalber habe ich dann noch die zitierten Arbeiten der letztjährigen Tagungen der GMW (n=484, blau) bzw. der DeLFI (n=349, orange) aufgetragen. Der Bezug auf neuere Arbeiten ist hier wegen der gewollten Aktualität der Papiere sichtbar höher.

Die Ergänzung mit den Zahlen der diesjährigen Doppeltagung GMW (n=484) und DeLFI 2011 (n=496) zeigt - wenig überraschend - fast identische Verläufe.

Wo ich schon am Zählen war, habe ich mir noch zwei Dissertationen vorgenommen, nämlich meine eigene von 1981 über das Unterrichtsmedium Computersimulation (n=283, orange) und die von Stefanie Panke (2009) über das Informationsdesign von Informationsportalen (n=314, blau). Mich interessierte, ob bei einem Abstand von 28 Jahren deutliche Unterschiede zu finden wären. Wie zu sehen ist, scheint das nicht der Fall zu sein. Beide Arbeiten folgen eher dem Muster von L3T - ohne dass ich sie deshalb als Lehrbücher bezeichnen würde.

Zum guten Schluss habe ich mir noch zwei wissenschaftliche Online-Zeitschriften vorgenommen. Von der Zeitschrift MedienPädagogik den Jahrgang 2011 mit 12 Artikeln (n=328) und vom Journal for Educational Research Online den Band 1 von 2009 mit 11 Artikeln (n=584). Vermutet hätte ich ja, dass die Medienpädagogen deutlich mehr Bezüge zu früheren Arbeiten und Diskussionen herstellen, aber überraschenderweise ist das bei den Bildungsforschern doch deutlich stärker ausgeprägt, bei diesen sogar am stärksten im Vergleich zu allen anderen hier gefundenen Zahlen.

Was bleibt nach der ganzen Zählerei? Ganz so “unhistorisch” (wie Karl Wilbers mal die E-Learning-Szene charakterisiert hat) sind die AutorInnen denn doch nicht. Dennoch bleibe ich bei meiner Einschätzung, dass noch öfter ein Blick in frühe Arbeiten lohnen würde (Gabi Reinmann hat das in einem anderen Bereich - der Hochschuldidaktik - auch so erfahren). Das kann nicht nur inspirierend sein, auch unnötige Wiederholungen könnten vermieden und Impulse für wirklich innovative Weiterentwicklungen gewonnen werden.

Die Kraft der Intrinsischen Motivation

Abgelegt unter: Allgemein, Lesestoff — JoWe um 23:45 am 10.12.2011

Das wünschen sich Hochschullehrende und auch Teamchefs: Intrinsisch motivierte Studierende bzw. intrinsisch motivierte MitarbeiterInnen. Aber vermutlich haben die meisten von uns die enttäuschende Erfahrung gemacht, dass es ziemlich schwierig ist, intrinsische Motivation (IM) zu wecken und aufrecht zu erhalten.

Wikipedia definiert IM (und ihren Gegenpol extrinsische Motivation) so:

Der Begriff intrinsische Motivation bezeichnet das Bestreben, etwas um seiner selbst willen zu tun (weil es einfach Spaß macht, Interessen befriedigt oder eine Herausforderung darstellt). Bei der extrinsischen Motivation steht dagegen der Wunsch im Vordergrund, bestimmte Leistungen zu erbringen, weil man sich davon einen Vorteil (Belohnung) verspricht oder Nachteile (Bestrafung) vermeiden möchte.

Nun lese ich derzeit u.a. das Buch von Isaacson: Steve Jobs, die Biografie. Abgesehen davon, dass dieses Buch etliche erhellende Details über Jobs enthält, die ich auch als gut informierter Apple-Fan noch nicht kannte, zeigt es, dass es ihm mehrfach gelungen war, intrinsisch hoch motivierte Teams zu bilden, denen außergewöhnliche Produktentwicklungen gelangen. Das betrifft den Macintosh, aber auch den NeXT-Computer, später iPhone und iPad. Ich finde das insofern erstaunlich, als Jobs, obwohl ein Mensch mit schwierigen Charaktereigenschaften, manchmal zuvorkommend und humorvoll, oft aber jähzornig und ungerecht, seinen Mitarbeitern offensichtlich das Gefühl vermitteln konnte, an wirklich bahnbrechenden Produkten zu arbeiten. Die schildern das so auch aus ihrer heutigen Sicht. Gut nachzulesen bei Andy Hertzfeld in dem Buch Revolution in The Valley: The Insanely Great Story of How the Mac Was Made (einige Anekdoten daraus finden sich auf der Website Folklore). Auch ein Podium nach dem Tod von Steve Jobs bestätigt das, u.a. mit Bill Atkinson, Andy Hertzfeld und Regis McKenna.

Es gibt ein ähnliches früheres Beispiel, vielleicht nicht ganz zufällig ebenfalls aus der Computerindustrie. Tracy Kidder schildert es in dem Buch Die Seele einer neuen Maschine. Vom Entstehen eines Computers über die Entwicklung der Eclipse MV/8000 von Data General, einem der ersten 32-bit Minicomputer in den 80ern.

Leider lassen sich aus den Beispielen keine Richtlinien ableiten, wie Teams mit so hoher IM zu bilden sind; ohne günstige Begleitumstände geht es wohl nicht. Immerhin hatte ich persönlich in einigen (natürlich viel kleineren Projekten) das Glück, solche Teams bilden und an spannenden Produkten arbeiten zu können (z.B. bei MODUS, dem KMMT und nicht zuletzt bei e-teaching.org). Ich kann nur allen (jungen) KollegInnen wünschen, solche Themen, Projekte und Teams zu finden, bei denen sie vergleichbar intrinsisch motiviert arbeiten können. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es bei mir die praxis- und produktorientierten Projekte waren und weniger die Forschungsprojekte?

School Forum 2011

Abgelegt unter: Fachliches — JoWe um 18:24 am 06.12.2011

Am Pre-Conference-Tag der Online Educa Berlin fand das School Forum 2011 statt. Leitthema war “Lernkultur und Medienkompetenz”, unter dem die neuesten Technologietrends für das Klassenzimmer gezeigt und diskutiert werden sollten. Es diente dem Erfahrungsaustausch zwischen Lehrkräften und Neue Medien-Experten. Laut abgefragter Selbsteinschätzung waren denn auch etwa je zur Hälfte Anfänger und Erfahrenere anwesend, die alle das Angebot positiv annahmen. Auch für mich persönlich waren 4 (von insgesamt 6) Vorträgen die erfreuliche Ausbeute einer sehr gut besuchten und organisierten Veranstaltung.

Ausgerechnet den Eröffnungsvortrag von der als ‘Querdenkerin’ angekündigten Pädagogin und Medienpsychologin Katja Kantelberg fand ich eher enttäuschend. Für mich sind es mittlerweile eher wohlfeile Forderungen nach veränderten Lehrerrollen, Wechsel zu kollaborativen Lernformen und von erzeugungsdidaktischen zu ermöglichungsdidaktischen Lernarrangements. Da sollten dann schon Ideen und Konzepte folgen, wie das denn zu bewerkstelligen ist in einem Bildungssystem, dass nach wie vor den strukturellen Rahmen vorgibt. Auch dass Frau Kantelberg den Führungskräften die entscheidende Rolle dabei zuschreibt, Verhaltensmuster zu verändern und Standards in Frage zu stellen, deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen bei Reformansätzen, schon gar nicht, wenn Web 2.0 und Soziale Medien ins Spiel kommen.

Danach die Show von Tim Rylands, einem Lehrer, der über Game-based learning sprach, in einer Form, wie es wohl nur die Angelsachsen können: Witzig, durchchoreografiert mit schönen Folien, trotzdem hoch informativ und fundiert. Da glaube ich gleich, dass seine SchülerInnen begeistert dabei sind, egal ob er mit oder ohne digitale Medien arbeitet. Also unbedingt mal auf seiner Website vorbeischauen!

Der dritte Redner, Wolfgang Willburger, stellte die digitale Schultasche für Lehrer vor. Dabei handelt es sich um einen USB-Stick, auf dem sich einerseits alle benötigten Programme inklusive eines Moodle-Servers, als auch digitale Inhalte befinden. Die Lehrer können damit Lernpfade erstellen, die den SchülerInnen, auch mit Tests, zur Verfügung gestellt werden können.

Karin Ernst stellte das Projekt eXplorarium vor, bei dem neue Wege beim Lernen mit digitalen Medien aufzeigt werden sollen. Für Experimente und Erkundungen wird der Computer als Werkzeug genutzt, ohne die Realität zu vernachlässigen. Das Lernen soll aktiv, konstruktiv und projektorientiert gestaltet werden. Das Angebot richtet sich an ausgewählte Schulen in sozialen Brennpunkten. Auch sehr spannend.

Die von Ruben Kurschat vorgestellten auditiven Erkundungen von urbanen Klanglandschaften waren für mich zu speziell. Bei Boris Gromodka & Gerd Dietlmeier hatte ich laut Ankündigung Details zu EasyChalk erwartet (eine Online-Whiteboard-Software, die auf allen Boards, Tablets und interaktiven Projektoren läuft), es war dann aber eine fast historische Darstellung der infrastrukturellen Entwicklungen an hessischen Schulen bis zum heutigen Ziel der Volldigitalisierung des schulischen Lebens. Was dann doch sehr informativ ausfiel.

Die abschließende Diskussionsrunde konnte ich wegen anderer Termine nicht mehr mitverfolgen. Mal sehen, was an Dokumentation seitens Online Educa noch online gestellt wird. Lohnen würde es sich.

Positive Überraschung: 2. Zwischenbericht der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft”

Abgelegt unter: Fachliches, Lesestoff, OLPC — JoWe um 21:48 am 20.11.2011

Zur Medienkompetenz liegen inzwischen bildungspolitische Forderungen bzw. Handlungsempfehlungen vor, die das Ergebnis längerer Diskussionsprozesse sind. Dabei werden jeweils alle Bildungsbereiche und alle Bildungseinrichtungen in den Blick genommen, von der frühkindlichen Erziehung bis zur Medienbildung für Ältere. Die Broschüre der Initiative Keine Bildung ohne Medien fasst die Ergebnisse des Berliner Kongresses zusammen und bündelt sie in zentralen Forderungen. Ich hatte den Kongress skeptisch begleitet und sehe nun nicht, dass darin die Anregungen einer kritischen Teilnehmergruppe eingeflossen sind.

Skepsis überwog bei mir auch nach der Expertenanhörung zum Thema Medienkompetenz in der Enquete-Kommission (wer sich das noch anschauen möchte: die Aufzeichnung dauert über drei Stunden). Deshalb bin ich positiv überrascht von dem nun vorliegenden Zweiten Zwischenbericht zum Thema Medienkompetenz. Die Lesbarkeit dieses Berichts profitiert von einer einführenden kompakten Bestandsaufnahme zu Begriff, Projekten und Initiativen und Forschung zur Medienkompetenz. Natürlich nehmen die Risiken interaktiver Medien auch hier wieder breiten Raum ein. Aber immerhin werden auch die Chancen thematisiert, dass Kinder und Jugendliche selbst das Internet in erster Linie als nicht mehr wegzudenkende Bereicherung sowie als hilfreiches Instrument im gesellschaftlichen wie auch im Lernalltag begreifen (Zwischenbericht, S.8). Als Mediendidaktiker freut mich besonders, dass hier Medienkompetenz auch verstanden wird als Voraussetzung zur Nutzung der Ressource Wissen in einer digitalen Welt (Zwischenbericht, S. 11).

Der Bericht benennt deutlich strukturelle Defizite mit der Konsequenz, dass die digitale Spaltung eine soziale Spaltung ist. Konsequenterweise deshalb die Forderung, dass ein Zugang zu digitalen Lernwerkzeugen […] insofern stets über die Bildungseinrichtungen erfolgen [müsse] und  […] nicht nur der häuslichen Ausstattung obliegen [dürfe] (Zwischenbericht, S. 11).

Überrascht war ich dann aber doch, eine Forderung wieder zu finden, mit der ich beim KBOM-Kongress wenig Unterstützung gefunden hatte, nämlich dass jede Schülerin und jeder Schüler über einen eigenen mobilen Computer verfügt. Die Kommission empfiehlt in ihren Handlungsempfehlungen diese Ausstattung für die Sekundarstufe I und II; ich empfehle dies bereits für die Grundschule. Getoppt wird das allerdings noch durch den Vorschlag, dass gemeinsam mit der Industrie ein modellhafter Schülercomputer entwickelt wird, der den besonderen Ansprüchen an Mobilität und Robustheit entspricht (Zwischenbericht, S. 21). Das erinnert an Beats Vorschlag eines DynabookZ, eines auf die Bedürfnisse von Schulkindern ausgerichteten mobilen Kleincomputers (Handheld/Smartphone/Tablet) samt schulspezifischer Software auf Open-Source-Basis.

Konsequent auch, wenn die Kommission fordert, dass mittelfristig zwingend die Digitalisierung von Schulbüchern, Lehr- und Lerninhalten sowie deren Zugänglichmachung im Netz beziehungsweise in Intranets notwendig wird. Deshalb der Vorschlag an Bund und Länder, die Unterstützung und Förderung entsprechender Projekte zu prüfen (Zwischenbericht, S. 34).

Keine Ahnung, wie das weitere Procedere zeitlich abläuft, d.h. ob überhaupt und wann aus diesen Empfehlungen konkrete Beschlüsse werden. Trotzdem, für mich ein eher ermutigender Bericht und Leseempfehlung an alle, die sich in diesem Feld betätigen.

Gastbeitrag Prof. Hisgen … mooc-mooc-mooc (Glosse 32)

Abgelegt unter: Glosse — JoWe um 20:07 am 11.11.2011

Prof. Hisgen, eigentlich durch und durch Individualist (und hier bekannt durch seinen Briefwechsel mit Kollegin K. Latsch) hat auch das Crowd-Fieber gepackt, denn er plant nun selbst einen MOOC:

Werte Kollegin Latsch,

derzeit habe ich ein Freisemester - aber doch nicht frei: Ich bin Dauerteilnehmer bei MOOCs (Massive Open Online Courses), inzwischen bereits bei meinem dritten, dem Change 2011 (puh, noch 30 Wochen vor mir …). Ich habe ja selber schon Anfängervorlesungen vor 400 Studierenden gehalten, aber gleich für Tausende? Rekordhalter und reif fürs Guinness Buch der Rekorde dürfte wohl der Kurs der Stanford University Online Introduction to Artificial Intelligence sein, mit über 200.000 Teilnehmern - und das bei so einem speziellen Thema!

Daran werde ich mich nicht messen lassen, aber ich verrate Ihnen hiermit, dass ich auch einen MOOC plane. Als alter Musik- und Apple-Fan, der sich noch an die Aufforderung Rip, Mix, Burn erinnert, gebe ich diese Aufforderung leicht abgewandelt nun an meine Teilnehmer weiter: Aggregate, Remix, Repurpose, Feed Forward. Ich halte das für einen genialen Trick von Downes, Siemens & Cormier (die den MOOC Change 2011 moderieren), die Verantwortung für das eigene Lernen den Teilnehmern zu übergeben. Mit den Hashtags für meinen Kurs bin ich jedenfalls nun wieder ganz vorne mit dabei … #mobiles, #kollaboratives, #konstruktivistisches und #konnektivistisches Lernen!

Statt eines toi-toi-toi bitte ich um mooc-mooc-mooc! Ihr Prof. Hisgen

Anmerkung des Hrsg.: Hoffentlich macht es sich Prof. Hisgen nicht gar zu einfach:

Thinking Through
by: glencochrane

mein neuer Arbeitsplatz

Abgelegt unter: Allgemein — JoWe um 12:03 am 11.11.2011

Wir (das Institut für Wissensmedien) sind umgezogen - aus einem modernen Zweckbau im Süden Tübingens in die Alte Frauenklinik (Baujahr 1890). An den Zweckbau hatten wir uns durchaus gewöhnt, auch wenn dort nicht alles optimal war (Hellhörigkeit, extreme Temperaturen). Besonders unsere Veranstaltungen vor Ort profitierten von einer angenehmen Umgebung im Grünen. Nun also in einem renovierten Altbau mit klassischer Architektur und toller Lage:

imposanter Eingang, eindrucksvolles Treppenhaus; den Gängen und dem Büro sieht man die Vergangenheit aber kaum noch an …

Ob hier alles optimal wird, muss sich natürlich erst noch zeigen. Die Räume sind sehr hoch, Treppenhaus und Gänge verwinkelt, da muss man die KollegInnnen erst mal suchen. Und noch ist nicht alles fertig, arbeiten wir in einer Baustelle.

Ich persönlich finde den neuen Standort toll. Meine Fahrzeit mit dem ÖPNV hat sich mehr als halbiert. Innerhalb weniger Minuten ist die Innenstadt erreichbar und - fast noch wichtiger - natürlich auch der Uni-Campus. Für mich kommt dieser Umzug etwas spät, denn ich werde den neuen Standort nicht mehr allzu lange nutzen können. Ab Mai 2012 habe ich dann - nein, keinen neuen Arbeitsplatz - nach fast 40 Jahren Berufsleben gleich einen ganz neuen Lebensabschnitt …

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