Anmerkungen zu Anja C. Wagner: Die unvernetzte Generation

StatementWagner

A.C. Wagner beim Stifterverband: Die unvernetzte Generation

In einer Reihe des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft hat Anja C. Wagner mit ihrem Video-Beitrag Die unvernetzte Generation viel Zustimmung erhalten. Nachdem ich bei Twitter mich zunächst nur kurz über die Pauschalisierung geäußert habe, dass die Alt-68er sich schwertun mit den sozialen Medien, will ich doch auf einige andere Aspekte noch mal eingehen.

Zunächst einmal, wenn sie von der Generation der über-50-Jährigen spricht, dann sollte sie besser deren üblicher Benennung als Silver Surfer folgen. Aber das sind dann eben nicht die 68-er! Die sind nämlich inzwischen schon 65 und älter (so wie ich), also mindestens eine halbe Generation weiter. Und selbst für die zeigen mehrere aktuelle Studien, dass bei ihnen der Anteil der Onliner in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Altersgruppen die größten Zuwächse verzeichnet.

Wurde nicht 2013 sogar von „Vergreisung“ der sozialen Netzwerke (belegt mit Zahlen zu Facebook, Twitter, Yahoo und Xing) gesprochen, weil Ältere einsteigen und Jugendliche aussteigen? Von standhafter Weigerung kann also keine Rede sein. Erfreulicherweise gibt es Initiativen, die Älteren weiterhin den Einstieg in die Online-Welt ermöglichen  bzw. erleichtern (Bsp. das Netzwerk Third Age Online).

Wichtiger als diese problematische Generationenzuordnung sind allerdings andere unklare Begrifflichkeiten. Wo finden sich denn die „alten Werte“ der 68-er in den Netzwerken wieder bzw. welches sind denn diese Werte? Ich habe das damals als eine politisch sehr heterogene Bewegung erlebt. Meine ökologisches Engagement und politische Grundorientierung z.B. habe ich damals in heftiger Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung von marxistisch orientierten Gruppen entwickelt, trotzdem habe  ich mich als Teil der von ihnen mitgeprägten Studentenbewegung und APO verstanden.

Bei Anja konzentriert es sich letztlich auf das Verständnis von individuellem und kollektivem Wissen, dessen Entstehung und Weitergabe bei ihr heute an Netzwerke gekoppelt ist. Durch den Austausch im Netzwerk ist Wissen nicht mehr an einzelne Personen zu knüpfen, sondern ist geistiges Eigentum des Kollektivs. Das „Alte Denken“ (damit ist dann wohl im Wesentlichen das Beharren auf geistigem Eigentum der Individuen zu verstehen), muss zerschlagen werden, ohne dass Anja weiss, wie das „Neue Denken“ konkret aussehen soll. Mir ist auch nicht klar geworden, welche „ganz anderen Werte“ die Netzwerkgesellschaft praktiziert und was davon in die  lokale Welt hineingetragen werden kann.

Bezogen auf Bildung klingt das natürlich stark nach Downes und Siemens, in deren Konnektivismus das Lernen ein selbst organisierter Prozess in Netzwerken ist. Sie übertragen eine neurobiologische Sicht des Lernens (das Bilden von Verknüpfungen zwischen Neuronen) auch auf die konzeptuelle und soziale Ebene. Wissen ist verteilt über Netzwerke und die Verbindungen bzw. die Verbundenheit mit Netzwerken führt zu Lernen. Der Fundort des Wissens wird dann höher gewichtet als der Besitz des Wissens selbst („the pipe is more important than the content within the pipe“, Siemens, 2006, S. 32). Ich habe bereits an anderer Stelle meine Probleme mit dieser Sichtweise benannt (Haug & Wedekind, 2013, S.162 ff.) und den Konnektivismus eher als ein Konzept partizipativer Lernorganisation charakterisiert. Wissenserwerb und Wissensvermittlung lassen sich jedenfalls m.E. so nicht hinreichend beschreiben.

Auch für  mich ist die Zugehörigkeit zu Communities und der schnelle Austausch in Netzwerken natürlich heute eine unverzichtbare Komponente der Wissensarbeit; insofern bin ich einig mit Anja, dass es notwendig ist, Netzwerke und ihre Mechanismen zu verstehen (Stichwort Medienkompetenz). Dennoch ist mir auch bei genauerem Zuhören nicht klar geworden, welchen Status Anja nun eigentlich zu Grunde legt und welche Konsequenzen sich für sie daraus auf welcher Handlungsebene ergeben. Ok, kann ich von einem 6-Minuten-Statement nicht unbedingt erwarten, aber doch wenigstens das  Anreissen von Perspektiven.

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Nachlese Didacta 2014

Dieses Jahr war die didacta wieder mal in Stuttgart zu Gast, d.h. quasi bei mir vor der Haustür. Also bin ich mal hingefahren und habe mir ein paar Produkte angeschaut, relativ gezielt, denn alle Hallen an einem Tag abzuarbeiten ist eh ein Unding.

In der Eingangshalle ein von früheren didactas vertrautes Bild: Man kommt sich fast vor wie im Flughafenterminal gegenüber (die Abflughallen des Stuttgarter Flughafens sind nur ein paar hundert Meter entfernt), wenn die Hälfte der Besucher mit Rollkoffern in die Hallen strömen. Wieviel Altpapier wird da wohl nach Hause gekarrt?

Ich habe in der Halle 8 begonnen, die den Schwerpunkt Neue Technologien abdeckte. Gemessen an den dort vertretenen Ausstellern und den gezeigten Produkten könnte man meinen, die flächendeckende Einführung interaktiver Tafeln (Whiteboards) stehe bevor. Wobei der Vorwurf, diese zementierten doch nur lehrerzentrierten Frontalunterricht, schwer zu entkräften ist. Jedenfalls waren die Vorführungen an den Ständen fast durchgängig so geprägt. Zwar wird inzwischen das Übertragen von Schülerbildschirmen – sei es von Smartphone, Tablet oder Computer – und das (selektive) Freigeben überall unterstützt. Allerdings stehen dabei Überwachung der Schülerbildschirme, Kontrolle und Lenkung im Vordergrund. Immerhin, bei SMART habe ich die Software XC Collaboration entdeckt und mir die vielfältigen Funktionen zum kollaborativen Arbeiten zeigen lassen. Davon war ich beeindruckt. Ich empfehle mal, die Funktionen von XC Collaboration näher anzusehen!

Mein Interesse an Robotern konnten nur zwei Anbieter abdecken. Viel Aufmerksamkeit fand NAO, ein autonom agierender humanoider Roboter, der sich über eine grafische Programmieroberfläche Choreographie relativ einfach steuern lässt. Lustig, wenn das Gerät sich aus Liegeposition erhebt und herumläuft. Adressaten dafür werden von der Grundschule bis hin zur Forschung gesehen. Mit vielen Sensoren, 25 Motoren, 2 Kameras, 4 Mikrofonen können NAO unzählige Verhaltensweisen beigebracht werden. So haben Schüler einer Berufsschulklasse mehreren NAOs das Boxen beigebracht. Ich finde allerdings Baukästen interessanter, mit denen eigene Roboter gebaut werden können. Dafür gibt es LEGO MINDSTORMS Education EV3, Nachfolger des Mindstorms Robotics Invention System bzw. Mindstorms NXT. Das Set ist nicht ganz billig (Basis-Set + Software ca. 500,-€), aber damit könnte ich vielleicht sogar eine kybernetische Schildkröte (die klassische Logo-Turtle) zum Laufen bringen.

Dann gab es bereits die ersten Anbieter von 3D-Druckern für den schulischen Einsatz. Das Komplettgerät von Fabmaker wird für die MINT-Fächer, Musik und Kunst beworben und es gibt immerhin schon ein Lehrbuch, Tutorials und Unterrichtsmaterialien. Von Christiani gibt es den Fabbster, sowohl als Komplettgerät als auch als kostengünstigen Bausatz.

Natürlich bin dann auch durch die anderen Hallen gegangen. In Halle 4 konzentrierten sich die Ministerien und Organisationen. Fand ich für mich recht ergiebig mit Informationen zu Spezialthemen wie Umwelt und Naturschutz. Viele Organisationen bieten inzwischen Ratgeber für LehrerInnen und Eltern an, die Kinder und Jugendliche an die Neuen Medien heranführen bzw. begleiten wollen (Titel wie „Medien – aber sicher“, „Spielregeln im Internet“, „Wie surfen unsere Kinder sicher mobil“ usw. usw.). Neue Medien sind dabei fast ausschließlich soziale Medien, eine Einschränkung, die m.E. wichtige und interessante Nutzungsformen vernachlässigt.

Die Schulbuchverlage konzentrierten sich in Halle 1. Auch dort auffällig, wie oft die digitalen Produkte der Verlage an interaktiven Tafeln präsentiert wurden. Was natürlich heißt, dass digitale Produkte inzwischen selbstverständlich zum Portfolio gehören. Unübersehbar der große Stand für scook, der neuen Plattform von Cornelsen. Inwiefern dies eine Konkurrenz/Ergänzug zur Plattform Digitale Schulbücher darstellt, kann ich nicht beurteilen. Als Gesamteindruck nehme ich jedenfalls von dieser didacta mit, dass Bücher bis auf Weiteres den Schulalltag bestimmen werden.

Sowieso zeigt die didacta als Europas größte Bildungsmesse, dass der Wandel in Schule und anderen Bildungsinstitutionen langsam und evolutionär erfolg, auch wenn sich Protagonisten der Bildungstechnologie sich da meist mehr Tempo und Flächendeckung wünschen würden.

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Bloggen oder nicht Bloggen? Weiterwursteln, Aufhören oder Neustart?

Seit knapp 8 Jahren blogge ich. Zugegebenermaßen in letzter Zeit mit unterdurchschnittlicher Frequenz. Damit geht es mir ähnlich, wie einigen Mitbloggern in meiner Blogroll. Michael Kerres hatte lange Pause; seit Oktober 2013 hat er wieder neu angefangen. Peter Baumgartner hatte immer wieder lange Pausen bis fast eruptiv neue Beiträge erschienen. Dagegen sind z.B. Gabi Reinmann oder Beat Döbeli gleichbleibend regelmäßig aktive Blogger.

Für meine Inaktivität gab es mehrere Gründe. Im Ruhestand verschieben sich naturgemäß Interessen. Mit zwei längeren Artikeln zu cMOOCs habe ich 2013 die engeren fachlichen Aktivitäten abgeschlossen. In den Vordergrund ist seither mein Interessen am Programmieren (für Alle), daneben aber auch mein Software-Museum und die Arbeit an elektronischen Büchern getreten. Dazu kamen vermehrt technische Probleme. Aus historischen Gründen hatte ich unterschiedliche Systeme für meine Website joachim-wedekind.de (Joomla) bzw. für konzeptblog.joachim-wedekind.de (WordPress) verwendet. Das wollte ich schon lange bereinigen. Hinzu kam der Kampf mit zunehmendem Spamaufkommen; wohl nicht zuletzt, weil ich mit total veralteten Software-Versionen gearbeitet habe.

Deshalb stellte sich die Frage, wie weiter? Lohnt sich eigentlich der Aufwand bei doch eher unsicherer Leserbindung? Wobei ich nie Webstatistiken geführt habe. Aber verändert hat sich, dass, wenn früher Kommentare die Rezeption der Beiträge signalisierten, dies heute eher über entsprechende Twitter-Erwähnungen merkbar wurde.

Unter dem Strich bin ich zu dem Entschluss gekommen, bis auf Weiteres weiter zu bloggen, mit veränderten Themenschwerpunkten (Kategorien), aktueller Software und neuem Layout (das sich wohl noch ein wenig entwickeln wird). Auf ein Neues also …

Nachtrag: Ich bin dabei, alte Website und alten Blog als eBook in ein Archiv zu packen (die Sicherung und Überführung in eine neue Datenbank war mir technisch zu kompliziert und aufwändig). Dabei habe ich wieder mal festgestellt, dass das Web doch jede Menge vergisst. Etliche Links waren tot und nicht wieder zu beleben.

Nachtrag 8.4.14: Beat hat natürlich recht, wenn er mich (per Mail) darauf hinweist, dass ich mit dem Löschen bzw. Neustart des Blogs selber etliche Linkleichen produziere. Immerhin versuche ich mit den elektronischen Archiven den Verlust etwas zu minimieren.

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