Glosse 39 – Gastbeitrag Prof. Hisgen: [xbeliebig] 4.0

Vorbemerkung: Prof. Hisgen ist inzwischen selber schon Ruheständler V. 3.3 (echt? Schon drei Jahre und drei Monate im Ruhestand?). Seiner Ex-Kollegin Prof. em. K. Latsch klagt er, dass er vielleicht deshalb dem Leben 4.0 nicht mehr hinterherkommt:

Liebe Katharina,
bist du in den letzten Wochen mal Bahn gefahren? Ich habe das getan und dabei die Juni-Ausgabe von mobil Das Magazin der Deutschen Bahn gelesen. Darin verrät Bahnchef Rüdiger Grube im Gespräch mit Alexander Dobrindt (Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur), dass die DB die Digitalisierung 4.0 mit sechs Initiativen voran treibt: Arbeitswelt 4.0, Infrastruktur 4.0, IT 4.0, Produktion 4.0, Logistik 4.0, und Mobilität 4.0. Mir würde ja schon reichen, wenn sie das alles in Version 2.0 (und Stuttgart 21 in V. 1.0 – ohne Mehrkosten) auf die Reihe bringen würden.

Sie liegen damit natürlich im Trend von Industrie 4.0. Selbst der grüne Ministerpräsident Kretschmann will mit Baden-Württemberg wieder in die Champions League aufsteigen und hat sich dafür in Kalifornien den besonderen Spirit geholt. Und prompt macht CDU-Spitzenkandidat Wolf den Grünen das Wahlkampfthema „Industrie 4.0″ streitig.

Richtig irritiert hat mich allerdings, dass es mit Lernen 5.0 schon wieder eine neue Art zu Lernen gibt. Von Bildung 2.0 hatte ich ja schon gelesen; ganz aktuell erst wieder (ich staunte) bei der CDU: Bildung 2.0 – Digitale Bildung neu denken. Bei der SPD geht es am selben Tag um Bildung in einer digitalisierten Welt, also um dasselbe aber auch gleich um Humboldt 2.0. Wobei ich das nicht recht verstanden habe – ich glaube nicht an Wiederauferstehung. Beim Lernen endete meine Zählung jedenfalls bisher bei Lernen 2.0. Vielleicht braucht der Personaler Oliver Maassen ein Lernen 5.0, weil es ja den Chefs 4.0 an Qualitäten 4.0 fehlt?

Andere sind noch nicht ganz soweit: Beton 2.0 gibt es unverändert seit acht Jahren und selbst das ZKM, sonst immer ganz vorne mit dabei, eröffnet mit seiner 300 Tage dauernden GLOBALE erst eine Renaissance 2.0. Hinken wir mit Kalter Krieg 2.0 und Außenpolitik 2.0 nicht schon gewaltig hinterher? Obwohl, vielleicht ganz gut; Versionssprünge sind ja nicht immer von Vorteil, wie Windows 8 gezeigt hat.

Mit vor lauter Zählerei etwas skeptischen 4.0-Grüßen, dein Edgar

Verhärtete Positionen

Zwei Diskussionsstränge machen mich derzeit etwas ratlos und pessimistisch. Da ist zum einen das Statement von Torsten Larbig über die sog. Tablet-Klassen, in dem er den radikalen Skeptikern ebenso wie den radikalen Digitalisierungseuphorikern die Position eines engagierten Lehrers gegenüberstellt, der seinen Schülern erfolgreiches Lernen ermöglichen und dafür ein möglichst breites Spektrum didaktischer Möglichkeiten nutzen will. Er hat damit Kritik provoziert, die ihn sogar in die Nähe von Skinner rückt. Tja, wir Subjektivisten setzen uns halt allzu leicht über historische Widersprüche hinweg (laut Lisa Rosa). Ähnlich polarisiert verläuft die Diskussion zwischen Pisaversteher Christian Füller und (dem von CF als Netzeuphoriker benannten) Martin Linder, weil der Esken Saskia beigesprungen ist, deren Text Humboldt und die Algorithmen wiederum von CF zerpflückt wurde.

Zugegeben, solche (selbstironischen?) Texte lese ich ab und an mit Vergnügen. Versuche ich aber, den inhaltlichen Kern aus den polemischen Formulierungen herauszudestillieren, kommen mir doch starke Zweifel an deren inhaltlichem Gehalt. Ausgerechnet Beat Döbeli Honegger als digitalen Staubsaugervertreter zu bezeichnen ist weit unter der Gürtellinie (nur mal Beats letzten Vortrag Aus dem fernen Digitalien anhören!) – und will CF gar Spitzers Digitale Demenz rehabilitieren (da stehe ich denn doch zu meiner Kritik vom 23.8.12, S.75)?

In 35 Jahren als Mediendidaktiker habe ich schon etliche solcher polarisierenden Auseinandersetzungen erlebt. Sie haben weder dazu beigetragen, den digitalen Medien einen auch nur annähernd ihrem Potential entsprechenden Stellenwert in unserem Bildungssystem zu verschaffen, noch Schulen und Schülern den kritisch reflektierten Zugang zur digitalen Welt zu eröffnen. Natürlich gibt es viele engagierte Personen und Institutionen, gibt es Leuchtturmprojekte und auch verdienstvolle Initiativen außerhalb des Rampenlichts. Aber von Flutlicht statt Leuchttürmen, wie es Peter Gorny mal formulierte, sind wir weit entfernt.

Derzeit gibt es etwa 752.000 hauptamtliche Lehrkräfte. Konsequenterweise müsste denen ja erstmal die Vision einer Schule in der Wissensgesellschaft (Lisa Rosa) überzeugend vermittelt werden (wenn es denn dazu schon einen Konsens gäbe) und dann müssten sie zur Umsetzung der organisierten pragmatischen Stationen auf dem Weg dahin (nochmal Lisa Rosa) gebracht werden. Sofern sie die genannten Diskussionsstränge überhaupt wahrnehmen, ob sie ihnen wirklich helfen, eine eigene begründete Position zu entwickeln und die Umsetzung zielorientiert anzugehen?

Hallo Herr Weselsky …

Da der GDL-Streik direkte Auswirkungen auf meine Reise diese Woche hat, habe ich Herrn Weselsky geschrieben. Verständlicherweise läuft das über die Kontaktseite der GDL. Ob es also ihn persönlich erreicht, ist fraglich … dennoch:

Hallo Herr Weselsky,
(ein Sehr geehrter oder Lieber wäre denn doch geheuchelt) zu Ihren Forderungen und Begründungen für Ihren aktuellen Streik habe ich versucht, anhand einiger Ihrer Interviews und Kommentaren dazu, mich kundig zu machen. Leider hat das bei mir das Verständnis für Ihre Position und Strategie nicht gefördert. Natürlich ist der Streik ein wichtiges Mittel des Arbeitskampfes, d.h. in der Auseinandersetzung mit Ihrem Arbeitgeber, also eigentlich in einer zweiseitigen Auseinandersetzung. Für mich als Rentner und treuen Bahnkunden streiken Sie aber ja zunächst mal nicht. Weiterlesen

Entdecken Sie Tübingen – im Netz

WebtourMit dem WWW können wir weltweit surfen. Für unsere Urlaubs- und Städtereisen nutze ich die Möglichkeiten gerne, um die zu besuchenden Orte vorab ein wenig kennen zu lernen. Aber warum denn in die Ferne schweifen … jedenfalls habe ich mal etwas systematischer geschaut, was über meinen Wohnort Tübingen im Web so zu finden ist. Das ist eine ganze Menge. Also habe ich die Fundstellen für eine Art virtuellen Stadtrundgang gesammelt.

Das Ergebnis habe ich in unserem lokalen Stadtteiltreff in einer virtuellen Stadtführung gezeigt: Entdecken Sie Tübingen – im Netz. Es waren selbst für Alteingesessene ein paar Neuentdeckungen dabei. Zum Nachwandern habe ich eine Liste der dort vorgestellten Webseiten unter Tübinger Links zusammen gestellt (Diese Liste ist natürlich offen für Ergänzungen um originelle Funde! Bitte Mail an mich.).

Selbsternannte Experten

Eigentlich ist das einzig Gute, dass die Rolle der digitalen Medien in der Schule überhaupt wieder heftig diskutiert wird – aber das Niveau ist für einen altgedienten Mediendidaktiker wie mich eher frustrierend: Nachdem die Diskussion der Digitalen Demenz endlich wieder abgeflaut ist und nach der – laut Kraus – Zwangsdigitalisierung, nun also wieder gleich ein ganzes Buch zur Lüge der Digitalen Bildung. Warum unsere Kinder das Lernen verlernen. Ich muss zugeben, ich habe das Buch nicht mehr gekauft und gelesen; mir hat das Interview in der SZ mit einem der Autoren und die Rezension von Beat Döbeli gereicht. Ich finde es immer wieder ernüchternd, allerdings auch in unsere gegenwärtige Medienlandschaft passend, wie selbsternannte Experten mit provokanten Titeln kurzfristig Themen besetzen können, nicht zuletzt weil die Presse darauf anspringt und Interviews dazu platziert. Das nützt sicher dem Buchverkauf, bringt aber die inhaltliche Diskussion leider nicht wirklich weiter. Weiterlesen

Kraus(e) Gedanken

Eigentlich lohnt es sich nicht, das Interview, das Deutschlandradio Kultur anlässlich der Didacta mit Josef Kraus geführt hat, durch eine Analyse implizit aufzuwerten. Zu sehr zeugt es von Unkenntnis und (noch schlimmer, weil noch schwerer zu überwinden) von Ignoranz gegenüber dem Themenkomplex Digitale Bildung. Allerdings handelt es bei Herrn Kraus um den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes und so steht zu befürchten, das er für ziemlich viele Lehrerinnen und Lehrer spricht. Kritische Würdigungen finden sich bereits bei Ellen Trude, Alexander LaschChristian Spließ, Lars Hahn und Christian Müller, dazu kommen etliche Tweets; positive Reaktionen sind mir bisher entgangen.

Was mich am meisten stört, ist seine Unart, die gestellten Fragen umzudeuten und Problematisierungen zu ignorieren. Auf den Einwand des Interviewers Frenzel Sind wir nicht ganz schön weit weg von einer Situation, wie Sie sie gerade an die Wand malen? (weil es in Deutschland deutlich weniger Rechner pro Schüler gibt als in anderen Ländern) kommt von ihm, er lasse sich nicht von irgendwelchen Zahlen blenden. D.h. also, seine postulierte Zwangsdigitalisierung (was für eine Wortwahl! Herr Kraus ist Deutschlehrer und Psychologe) findet trotz Minimalausstattung statt, oder wie? Weiterlesen

25 Jahre Photoshop

PSPAlette2-54x300An meinem Beitrag vom 19. Februar 2010: Photoshop brauche ich eigentlich nichts zu ändern, außer dass es inzwischen 5 Jahre länger sind, seit das Programm Photoshop (PS) auf den Markt gekommen ist …

Neuere Beiträge zum 25-jährigen gibt es heute beim Spiegel, bei der ZEIT, bei Heise, bei t3n, der New York Times und natürlich bei Adobe selber.

Ob Photoshop tatsächlich Bildästhetik und menschliche Selbstwahrnehmung umgewälzt hat? Im professionellen Bereich läuft ohne PS wohl nichts mehr, aber in anderen Bereichen wird der Einfluss vielleicht überschätzt. Wie viele Nicht-Profis haben sich in die übergroße Funktionalität wirklich eingearbeitet und können damit herausragende Ergebnisse erzielen? Als ambitionierter Fotoamateur habe ich jedenfalls PS fast nie genutzt und bin bei der Bildästhetik so altmodisch, dass meine Fotos beim Fotografieren „komponiert“ werden und ohne Nachbearbeitung bestehen können.

Update 21.2.: Terry White zeigt in einem kleinen Video-Tutorial wie Photoshop 1.0 funktioniert hat (in einem Emulator des klassischen Mac OS 7.5.3). Es wurde damals auf einer einzigen 800 KB -Diskette ausgeliefert! Erhellend für alle, die jünger als 25 sind oder sich erst später mit PS befasst haben 😉

Silver Surfer (II)

Nach Hamburg (in der Ringvorlesung Medien & Bildung 2013) habe ich nun zum zweiten Mal, diesmal in unserem lokalen Stadtteiltreff, das Thema Silver Surfer behandelt. Ich habe mich ganz adressatenorientiert auf drei Nutzungsbereiche konzentriert (Informieren, Kommunizieren, Tauschen & Teilen sowie lebenslanges Lernen) und diese mit etlichen Beispielen illustriert. Auch wenn die Folien ohne den begleitenden Text nicht unbedingt hilfreich sind, habe ich sie wieder ins Netz gestellt:

Unter meinen Downloads habe ich eine Liste mit den Links der gezeigten Webseiten und mit Materialien für Senioren abgelegt.

40 Jahre Intel 8080

Obwohl ich weder Informatiker noch Ingenieur bin, die technischen Details von Mikroprozessoren und Computerarchitekturen deshalb nicht verstehe, habe ich großen Respekt vor den Leistungen der Entwickler. Deren Produkte ermöglichen ja erst, dass wir heute mit Computern, Notebooks und Smartphones Dinge erledigen können, die in der Pionierzeit nur Visionäre für möglich hielten.

Inzwischen ist also der Mikroprozessor 8080 von Intel 40 Jahre alt (genauer fast 41, denn er kam im April 1974 auf den Markt). Er ist insofern von besonderer Bedeutung, als er in den ersten für Hobbyisten erschwinglichen Mikrocomputern eingesetzt wurde, wie z.B. dem MITS Altair 8800. Die Abkömmlinge, insbesondere die x86-Linie der Intel-Prozessoren, begründete dann den Siegeszug der IBM-kompatiblen PCs.

IntelsProzessorenHintergrundinformationen zur Mikroprozessorentwicklung beschreibt Lamont Wood. Dort habe ich auch den Link zu Intels Übersicht der Evolution einer Revolution (seiner Prozessoren) gefunden, natürlich mit dem Hinweis, die Revolution geht weiter