Spitzers Krawallthesen

Auf der Werbetour für sein neuestes Buch hat der „renommierte Hirnforscher“ Manfred Spitzer auch mal wieder in Tübingen Station gemacht. Es ist schon erstaunlich, dass er auch in einer von Universität und Akademikern stark geprägten Stadt wie Tübingen glühende Verehrer findet. Für mich irritierend ist vor allem, wie der Begriff der Wissenschaftlichkeit dabei eingesetzt und benutzt wird. Auf den Bericht in der Lokalpresse (beim Schwäbischen Tagblatt) habe ich deshalb mit einem Leserbrief reagiert. Da ich dort auf 1500 Zeichen beschränkt war, hier eine leicht erweiterte Fassung mit Bezug zu Passagen in dem Brief (im Folgenden kursiv eingerückt).

Manfred Spitzer ist auf Werbetour für sein Buch! Der „renommierte Hirnforscher“ agiert darin aber als unseriöser empirischer Bildungsforscher, denn er geht bei der Auswahl von Sachverhalten selektiv vor und interpretiert einseitig. Das ist schade, denn er spricht nicht zu leugnende Probleme beim Umgang mit digitalen Medien an und greift berechtigte Sorgen der Eltern auf.

Nun ist sowieso zu hinterfragen, ob Hirnforscher die geeigneten Ratgeber für Betroffene (Eltern) und Agierende (LehrerInnen) sein können. Martin Spiewak hat in Die Stunde der Propheten deren Wissenschaftlichkeit bezweifelt (jedenfalls was Schule und Lernen betrifft). Speziell bezogen auf Manfred Spitzer hat dies Martin Lindner schon 2012 anlässlich des vorherigen Buches Digitale Demenz getan.

Die Veröffentlichungen Spitzers in Fachjournalen kann ich nicht beurteilen. Auffällig ist aber schon, dass es von ihm kein grundlegendes Fach- bzw. Lehrbuch zu seiner Hirnforschung und zu den neurowissenschaftlichen Grundlagen des Lernens gibt. Dafür aber jede Menge populärwissenschaftliche Bücher, deren Themen breit gefächert sind (oder auch Vorträge bis hin zu Gesund Urlaub machen – aber wie).

Wenn er meint, „über eine gläserne Fläche zu streichen, lässt niemanden etwas begreifen“, hat er natürlich recht. Mit dem Umblättern von Papierseiten aber auch nicht. Lernen mit allen Sinnen ist leider schon ohne digitale Medien nicht die Regel im schulischen Alltag. Lieber Sport treiben, raus in die Natur? Gerne. Aber die heutigen wenig kindgerechten Wohnumwelten und Familienverhältnisse erlauben das kaum noch. Musizieren oder Malen? Gerne. Der Niedergang der musischen Fächer in den Schulen ist aber keine Folge der Smartphone-Verbreitung, sondern der rigiden Orientierung an (beruflich) verwertbaren Kompetenzrastern statt zeitgemäßer humanistischer Bildung.

Mit seinen Krawallthesen (Jens Mönig auf Twitter) liefert Spitzer keine für Eltern und Bildungsverantwortliche hilfreichen Handlungsalternativen. Die von ihm empfohlene IT-Abstinenz bis zur Volljährigkeit ist schlicht weltfremd. Sie leistet außerdem einer Mediensozialisation Vorschub, bei der die Nutzung digitaler Medien auf Chatten, Daddeln und Surfen reduziert wird. Dem sollte frühzeitig ein Zugang entgegengestellt werden, der den produktiven, kreativen und selbst gestaltenden Umgang damit erfahrbar macht. Erfahrungen und Angebote dazu gibt es durchaus (geht mal ins FabLab). Aber dazu müssten die Spitzer-Anhänger ja ihr IT-befreites Schneckenhaus verlassen …

Der Tübinger Vortrag hat im Schwäbischen Tagblatt weitere Leserbriefe provoziert. Interessant, dass sich dabei alle acht Professorinnen und Professoren des (in Tübingen ansässigen) IWM zu einer Stellungnahme genötigt sahen, Spitzers einseitige, kulturpessimistische Medienkritik zu bemängeln, insbesondere sind auch sie der Meinung, dass er damit nicht zu einer sachlichen Debatte und zu einer Behebung dieser Probleme beiträgt.

Ihre sachlichen Hinweise finden aber wenig Resonanz, wenn wir wiederum die Reaktionen darauf sehen. Seine gerne benutzten Vokabeln, er habe für seine Thesen eindeutige Belege oder sie seien wissenschaftlich bewiesen, zeigen Wirkung: Denn wer weiß, ob es wissenschaftlich erwiesen ist, dass die acht Tübinger (Professor(inn)en wissen, wovon sie reden, wenn sie – wie in ihrem Leserbrief vom 5. Dezember – ihre Einfälle zu Manfred Spitzer kundtun? (Leserbrief E. Knoll, Tübingen). Oder B.U. Jung und S. Haas, Tübingen, die in ihrem Leserbrief meinen Die Studien, auf die sich Prof. Spitzer bezieht, ergeben alle dasselbe Resultat – eine Steigerung der Lernleistung durch Computernutzung in den Schulen ist nicht festzustellen. Auf welche gegenteiligen Ergebnisse sich die Tübinger ProfessorInnen beziehen, bleibt deren Geheimnis. Und schließlich laut W. Kneissle, Tübingen, sucht man auf Google unter „Vorteile digitale Medien“ […] so sind die wenigen Treffer ohne jeden wissenschaftlichen Beleg.

Wie gesagt, die Probleme sind ja da und die Sorgen berechtigt. Aber wie hier die populärwissenschaftlichen Verlautbarungen eines eher fachfremd agierenden Spitzer für bare Münze genommen werden, gleichzeitig aber die Positionen der in diesem Feld aktiv (und international renommierten) Forschenden mit ein bisschen Googlen in Frage gestellt werden, bestätigt mir, wie Spitzer letztlich wissenschaftlich verbrämt Vorurteile bedient und eine lösungsorientierte Diskussion mehr behindert als befördert. Das ist nicht nur schade, sondern problematisch, weil weniger das Verbieten denn reflektiertes Vorleben und Vormachen im Umgang mit digitalen Medien gefragt ist.

9 Gedanken zu “Spitzers Krawallthesen

  1. Mir war gar nicht bewusst, dass Spitzer schon wieder durch Deutschland tourt. Vielleicht sollte man es einmal mit der Strategie versuchen, ihn einfach zu ignorieren. Der Appell an die Vernunft (mit einer Dekonstruktion seiner Argumente) wird bei „glühenden Verehrern“ vermutlich ohnehin nicht funktionieren, sondern im Gegenteil zu den von dir zitierten Reaktionen verleiten.

    • Ja, man sollte nicht noch ungewollt Werbung für sein Buch machen (hab bewusst nicht drauf verlinkt). Aber seitdem vor Jahren in einem meiner Seminare Studis sein Buch Vorsicht Bildschirm auseinandergenommen haben, Spitzer seitdem in regelmäßigen Abständen Gleichartiges nachschiebt und dann noch die spezielle Situation in Tübingen mit dem IWM vor Ort – da konnte ich ihn nicht ignorieren 😉
      Vermutlich bräuchten wir eine ähnlich medienwirksame Person für die realistischen Positionen, was dann aber wohl ein Widerspruch in sich wäre, denn komplexe Dinge sind halt nicht so plakativ darstellbar – oder es kommt so ein Buch wie Die digitale Bildungsrevolution von Dräger & Müller-Eiselt raus … (das wäre eigentlich gleich nochmal ein Blogbeitrag).

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  3. Ich habe einmal zu Spitzers ‚wissenschaftlichen Leistungen‘ recherchiert und nach PubMed hat er in den letzten zehn Jahren keine einzige wissenschaftliche Publikation vorzuweisen (außer zwei, wobei er jedoch keine bedeutsamer Mitautor ist). Es gibt weltweit keine einzige neurowissenschaftliche Studie, die sich mit dem Lernen mit digitalen Medien von Kindern beschäftigt. Ich bin mir auch unsicher, ob es sich noch lohnt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite werde ich in Fortbildungen von Eltern und Lehrkräfte immer wieder mit seinen Thesen konfrontiert.

    • Ich denke auch, dass es sich schlicht nicht lohnt, sich mit ihm fachlich auseinanderzusetzen. Bedauerlicherweise hat er allerdings großen Einfluss. Ich kenne eben auch viele Eltern und LehrerInnen, die seine Thesen einfach für bare Münze nehmen … er bestätigt quasi wissenschaftlich ihre eigenen Vorurteile. Es erweist sich als ungemein schwierig, meist als aussichtslos, dagegen zu argumentieren. Leider sind diese Personen gleichzeitig eifrige Multiplikatoren.

  4. Eines muss man Spitzer lassen und das fehlt meist seinen Kontrahenten: Er ist rhetorisch brillant und seift die Zuhörenden mit Metaphern, Anekdoten und Witzchen ein. Dass dabei die empirische Basis schmal ist, das merken viele Anhänger nicht, vor allem wenn die Autorität der Hirnforschung beschworen wird. Es reicht aber nicht, dies immer nur zu betonen, man muss auch konkrete wissenschaftliche Untersuchungen anführen, Publikationen zitieren, Ergebnisse referieren, Daten liefern und sauber interpretieren usw. Es muss argumentiert werden, statt Spitzer immer nur als wissenschaftlichen Blender hinzustellen.

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