Lesetipp: Die Poesie der Naturwissenschaften

Die Bücher des Zoologen und Evolutionsforschers Richard Dawkins haben mich die letzten Jahrzehnte begleitet. Begonnen hat es 1976 mit Das egoistische Gen, das ich regelecht verschlungen habe, obwohl ich da schon aus meinem Studienfach (Populations) Biologie zur Erziehungswissenschaft gewechselt hatte. 1986 erschien Der blinde Uhrmacher, in dem Dawkins u.a. seine Biomorphe vorstellte, die ich natürlich nachprogrammieren musste. Mit Gipfel des Unwahrscheinlichen hat er 1996 eine eher populärwissenschaftliche Darstellung evolutionärer Vorgänge vorgelegt. Schließlich folgte 2006 Der Gotteswahn, womit der überzeugte Atheist eine streng darwinistische Religionskritik vorlegte. Dieser Kopplung Säkularisierung und Wissenschaftsförderung widmet sich inzwischen seine Stiftung, die Richard Dawkins Foundation.

Ich lese Dawkins im 10-Jahres-Rhythmus, denn 2016 ist nun seine Autobiografie Die Poesie der Naturwissenschaften erschienen, in der er in (nicht nur) amüsanten Schilderungen Episoden seines Lebens Revue passieren lässt. Beeindruckend für mich sind seine Anfänge und sein Weg in die Wissenschaft. Seine Entwicklung ist stark geprägt vom Tutoren- und Mentorensystem der Universität Oxford. Er hat dabei ausgezeichnete Lehrer gefunden, die ihm den Zugang zu wissenschaftlichem Fragen und Arbeiten eröffnet haben; besonders prägend der Nobelpreisträger Niko Tinbergen.

Ich habe das, wenn auch in anderer Form, ähnlich prägend erlebt in der Endphase meines Biologiestudiums und dabei erfahren, wie wichtig der direkte Austausch mit engagierten, vom eigenen Fach begeisterten Personen für das Verstehen wissenschaftlichen Arbeitens ist.

Mehr muss ich zu dem Buch gar nicht sagen. Es bleibt die Empfehlung eines begeisterten Lesers, sich diese 700 Seiten starke Lektüre für den nächsten Urlaub vorzunehmen. Das Lesen „am Stück“ ist wohl am besten geeignet, den von vielen Anekdoten eingerahmten Gedankengängen Dawkins zu folgen.

Eines hat mir das Buch auch verdeutlicht: MOOCs und andere Szenarien des Online-Lernens können die wissenschaftliche Sozialisation, wie Dawkins – und ich – sie erfahren haben, nicht leisten. Bleibt natürlich die Frage, wie heute, unter den Bedingungen von Massenuniversität, Bachelor- und Master-Korsett, Sparzwängen und prekären Arbeitsverhältnissen an den Universitäten, trotzdem kreative und kritische Geister den notwendigen Entfaltungs- und Gestaltungsraum erhalten können ohne dabei Eliteförderung gegen offenen Bildungszugang auszuspielen.

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