Lesetipp: Konnektivismus – (k)eine Lerntheorie?

Mein heutiger Lesetipp ist kein Buch, sondern eine Folge von Blogbeiträgen (mein Ausdruck davon ist allerdings auch schon fast 50 Seiten dick). Den Anfang machte Stephen Downes mit einem Beitrag Connectivism as Learning Theory (1), der einige Resonanz in Blogs, Kommentaren und Tweets gefunden hatte. Am ausführlichsten hat Jon Dron geantwortet (mir bis dahin vor allem bekannt durch Anderson & Dron: Three Generations of Distance Education Pedagogy, 2011), der dabei fragt Connectivism: a learning theory or a theory of how to learn? (2). Darauf folgt Downes Replik Response to Dron (3), auf die Dron erneut sehr ausführlich eingeht mit More on Connectivism (4). Den vorläufigen Endpunkt bildet Downes Networks, Information, and Complex Adaptive Systems (5). Kann sein, dass noch Beiträge folgen …

Jedenfalls möchte ich allen, die an einer genaueren Verortung des Konnektivismus interessiert sind, diese kontroverse Diskussion zur Lektüre empfehlen. Eine Zusammenfassung ist schwer möglich, weil ziemlich komprimiert argumentiert wird. Spannend sind besonders die divergenten Positionen, was unter einer Theorie zu verstehen ist und wie der Konnektivismus einzuordnen ist. Auch wenn Downes in (3) betont „I don’t care wether it’s a learning theory“, versucht er in seinen Einlassungen doch genau dies zu belegen. Ich selber kann in weiten Teilen der Kritik Jon Drons daran folgen, zumal er – wie ich auch – betont, dass der Theoriestatus nicht entscheidend für den anerkannt inspirierenden Einfluss konnektivistischer Prinzipien speziell für die Gestaltung netzbasierter Lernumgebungen ist.

Downes Ausführungen – nicht nur in (3) – drehen sich um eine zentrale Aussage: „In humans, neurons are just the tools we use to make connections. In societies, humans are just the tools we (they?) use to make connections“. Für mich ist das letztlich eine verkürzte und auch einengende Sicht, die zudem für das Lernen im digitalen Zeitalter (wie von George Siemens skizziert in Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age, 2005) m.E. nicht entscheidend ist. Trotzdem bzw. deshalb also bitte diese Diskussion nachlesen!

In unserem Buchbeitrag cMOOC – ein alternatives Lehr‐/Lernszenarium? (Haug & Wedekind, 2013, S. 162 ff.) klassifizieren wir den Konnektivismus als ein Konzept partizipativer Lernorganisation. Dron hat mich mit seinen Ausführungen darin bestärkt. Deshalb kann ich guten Gewissens auch unseren Beitrag als Ergänzung dieser Diskussion zur Lektüre empfehlen.

Ein Gedanke zu „Lesetipp: Konnektivismus – (k)eine Lerntheorie?

  1. Hallo Joachim,

    vielen Dank für den sehr interessanten Beitrag. Bei meiner Recherche zum Thema Konnektivismus war ich schon etwas frustriert, weil sich viele Beiträge doch sehr oberflächlich mit dem Thema beschäftigen und nur einige Schlagworte liefern.
    Mein erste Gedanke zu dieser Theorie war, dass es sich dabei doch eher um einen Beitrag zu Wissensmanagement handelt, als um eine Lerntheorie. Der Zugang zu Wissensbeständen und ihre Verknüpfung ist aber noch kein Lernen…. sonst könnte man ja eine Linkliste (oder altmodischer ein Literaturverzeichnis) als Examensarbeit einreichen und das wars dann.
    Von daher finde ich den Vorschlag in Bezug auf Konnektivismus von einem „Konzept partizipativer Lernorganisation“ zu sprechen, sehr entspannend und für die weitere Diskussion sehr anregend.
    Siemens und Downes haben sicherlich recht, wenn sie darlegen, dass die Organisation von Wissen heute anders ist, als zu Zeiten, wo die nächste Bücherei den (vielleicht) einzigen Zugang zu Wissensbeständen über den engeren sozialen Umkreis hinaus bildete. Diese Erweiterung des Wissenshorizontes ist sicher wertvoll, begründet aber nicht einen „neue“ Theorie des Lernens

    MFG
    Ralph Mönch

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