Verhärtete Positionen

Zwei Diskussionsstränge machen mich derzeit etwas ratlos und pessimistisch. Da ist zum einen das Statement von Torsten Larbig über die sog. Tablet-Klassen, in dem er den radikalen Skeptikern ebenso wie den radikalen Digitalisierungseuphorikern die Position eines engagierten Lehrers gegenüberstellt, der seinen Schülern erfolgreiches Lernen ermöglichen und dafür ein möglichst breites Spektrum didaktischer Möglichkeiten nutzen will. Er hat damit Kritik provoziert, die ihn sogar in die Nähe von Skinner rückt. Tja, wir Subjektivisten setzen uns halt allzu leicht über historische Widersprüche hinweg (laut Lisa Rosa). Ähnlich polarisiert verläuft die Diskussion zwischen Pisaversteher Christian Füller und (dem von CF als Netzeuphoriker benannten) Martin Linder, weil der Esken Saskia beigesprungen ist, deren Text Humboldt und die Algorithmen wiederum von CF zerpflückt wurde.

Zugegeben, solche (selbstironischen?) Texte lese ich ab und an mit Vergnügen. Versuche ich aber, den inhaltlichen Kern aus den polemischen Formulierungen herauszudestillieren, kommen mir doch starke Zweifel an deren inhaltlichem Gehalt. Ausgerechnet Beat Döbeli Honegger als digitalen Staubsaugervertreter zu bezeichnen ist weit unter der Gürtellinie (nur mal Beats letzten Vortrag Aus dem fernen Digitalien anhören!) – und will CF gar Spitzers Digitale Demenz rehabilitieren (da stehe ich denn doch zu meiner Kritik vom 23.8.12, S.75)?

In 35 Jahren als Mediendidaktiker habe ich schon etliche solcher polarisierenden Auseinandersetzungen erlebt. Sie haben weder dazu beigetragen, den digitalen Medien einen auch nur annähernd ihrem Potential entsprechenden Stellenwert in unserem Bildungssystem zu verschaffen, noch Schulen und Schülern den kritisch reflektierten Zugang zur digitalen Welt zu eröffnen. Natürlich gibt es viele engagierte Personen und Institutionen, gibt es Leuchtturmprojekte und auch verdienstvolle Initiativen außerhalb des Rampenlichts. Aber von Flutlicht statt Leuchttürmen, wie es Peter Gorny mal formulierte, sind wir weit entfernt.

Derzeit gibt es etwa 752.000 hauptamtliche Lehrkräfte. Konsequenterweise müsste denen ja erstmal die Vision einer Schule in der Wissensgesellschaft (Lisa Rosa) überzeugend vermittelt werden (wenn es denn dazu schon einen Konsens gäbe) und dann müssten sie zur Umsetzung der organisierten pragmatischen Stationen auf dem Weg dahin (nochmal Lisa Rosa) gebracht werden. Sofern sie die genannten Diskussionsstränge überhaupt wahrnehmen, ob sie ihnen wirklich helfen, eine eigene begründete Position zu entwickeln und die Umsetzung zielorientiert anzugehen?

Ein Gedanke zu „Verhärtete Positionen

  1. Ich habe nicht versucht, Spitzer zu rehabilitieren. Sondern gezeigt, mit welchem wischiwaschi man in der Szene Applaus bekommt. Honegger ist selbstverständlich einer der besten Kenner der Werkzeuge und der Pädagogik. Freilich hat er keine kritische Haltung, deswegen taugt er nicht für einen kritischen öffentlichen Diskurs über das Ob und Wie des digitalen Lernens. Von ihm gibt’s praktisch nur Kniefall. Wie sollte auch ein Medienpädagoge/-didaktiker seinen Gegenstand und damit sich hinterfragen? Sie kennen das Problem 😉

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